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Katja Kettu : Forschungen einer Katze

Buchbesprechung von Frank Rehag, August 2025

dt. Erstausgabe: 2025 - Weissbooks, Berlin
finn. Originalausgabe: 2023 - Otava, Helsinki
Titel der finnischsprachigen Originalausgabe: "Erään kissan tutkimuksia"
aus dem Finnischen von Tanja Küddelsmann
»Der Mensch ist ein ungeschicktes, unpraktisches Wesen, und noch dazu ekelhaft barhäutig ohne irgendeinen schützenden Pelz. Sein Becken ist für Geburten denkbar schlecht geeignet, und sein Gehirn verbraucht viel zu viel Fett und Proteine. Der Mensch will immer selbst entscheiden und glaubt, er kann alles schaffen, obwohl ihm fast nichts von dem gelingt, was er anfängt. Seht doch nur, was gerade mit der Erde los ist! Sie leidet und geht vor die Hunde, und das alles nur wegen dieser einen vermehrungswütigen, dummen, aufbrausenden Spezies. Der Mensch ist ein lächerliches Etwas, ein unnatürlicher Parasit, Gottes vollkommen entbehrliche Ruhetagserfindung, die aus irgendeinem Grund auf den Radiowellen des Universums nichts als Kummer und Disharmonie verursacht.« (Katja Kettu / Tanja Küddelsmann | Forschungen einer Katze | Seite 10)

Eine Entität aus der himmlischen Sphäre wird vom "Amt für Forschung und Unterstützung der Lichten Lebensformen" auf die Erde geschickt, um im Helsinki der 2020er Jahre einer traumatisierten Schriftstellerin nach einer Fehlgeburt beizuwohnen. Doch etwas geht schief und statt in der Hauptstadt materialisiert sich das abgesandte Wesen im ländlichen Nordfinnland des Jahres 1917 im Körper einer Katze. Hier trifft es auf das Verdingmädchen Eeva, die Urgroßmutter der Schriftstellerin.

Eevas Leben ist von Armut, Ausbeutung, Willkür und Krieg bestimmt und erschließt sich aus Tagebucheinträgen des Zeitraums 1917-1979. Sie ist so alt wie das Jahrhundert, versteht sich auf das Anwenden von Heilkräutern, kennt alte verbotenen Zaubersprüche, steht am Rande der Gesellschaft und ist zu einer taffen jungen Frau herangewachsen, die Widerständen trotzt und sich durchzusetzen weiß. Es ist die Zeit der historischen Verwerfungen, in der Finnland unabhängig wird und in einem blutigen Bürgerkrieg versinkt. Sie lernt Mahte kennen, der einzige, der sie akzeptiert, aufgrund seines empathischen Charakters auch der einzige vernünftige Mann in diesem Roman, der nicht wie die anderen männlichen Figuren von ihrer Macht berauscht sind. Sie zieht zu ihm in eine völlig entlegene Gegend nahe der Ostgrenze, sie heiraten, sie bauen sich etwas auf, bekommen zwei Kinder, Tytti (die Großmutter der Schriftstellerin) und Poju. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Eeva wird von ihrer Schwiegermutter Helmi zu keiner Zeit akzeptiert, wird zeitlebens mit Intrigen konfrontiert. Kommunisten werden verfolgt und Mahte, der sich den Roten zugehörig fühlt, geht ins Exil zur Murmansk-Legion, währenddessen Eeva Opfer einer Gruppenvergewaltigung der Weißen wird. Später rettet nur ein glücklicher Zufall die Familie vor dem Auswandern nach Russland und Stalins Verfolgungen – im Gegensatz zu Mahtes Brüdern Johan und Hermanni, die dem Ruf des überlegenen sozialistischen Staates folgen. Es folgen der Winterkrieg und der Zweite Weltkrieg, Tytti schließt sich den Lottas an und begegnet ihrer Mutter zunehmend mit Feindseligkeit und Trotz. Doch auch, wenn Eeva und Mahte durch Krieg, Not und Verlust gebrochen sind, bleiben der unerschütterliche Glaube an eine bessere Zukunft und ihre Liebe zueinander immer bestehen.

Das Leben der im Roman namenlosen Schriftstellerin, eine Mittvierzigerin, verläuft konträr zu dem ihrer Urgroßmutter: sie hat eine Ausbildung genossen und ist eine angesehene erfolgreiche Autorin im Verlag; sie hat Wohlstand erlangt und wohnt in einer luxuriösen Wohnung im Helsinkier Stadtteil Eira; sie ist viel gereist, wollte weder eine feste Beziehung noch Kinder. Doch je mehr sie realisiert, dass die Möglichkeit, Mutter zu werden, in immer weitere Ferne rückt, desto stärker wird ihr Verlangen nach einer eigenen Familie. Sie lässt sich auf eine Beziehung mit ihrem Verleger ein, ebenfalls namenlos und nur der Große Boss genannt. Obwohl dieser Mann seine Ehe geheim hält, die Schriftstellerin manipuliert, schikaniert, herablassend behandelt, seine Macht missbraucht und eine Buchveröffentlichung zum Fiasko werden lässt, klammert sie sich an ihn, sehnt sich nach einer gemeinsamen Zukunft. Als sie tatsächlich schwanger wird, zeigt der Große Boss noch grausamere Wesenszüge – eigentlich kaum noch vorstellbar. Es geschieht eine weitere Katastrophe, denn die Schriftstellerin verliert das Kind und mit diesem Kind verliert sie auch die Fähigkeiten zu sprechen und zu schreiben, sie bleibt mit ihrer Traurigkeit und ihrer erloschenen Kreativität zurück. Doch zur Unterstützung sitzt in der Ecke eine fremde Katze, die sich in ihrem Zuhause eingenistet hat...

Die durch Raum und Zeit reisende Katze ist die zentrale Figur dieses Romans, sie ist Erzählerin und Beobachterin, lässt wechselweise sowohl Eeva mittels derer Tagebücher als auch die Schriftstellerin zu Wort kommen, und wenn nötig, greift sie in die Handlung ein. Obwohl das wild und absurd anmutet, funktioniert das sehr gut, und dank Katja Kettus Schreibkunst ist es überhaupt nicht schwierig, den zeitlichen und räumlichen Sprüngen zu folgen, aufgrund derer sich die beiden Handlungsstränge immer mehr annähern. Die übernatürliche Katze ist eine großartige und auch humorvolle Erzählerin, durch die schwere Themen Leichtigkeit und Frische erhalten. Aber warum gerade eine Katze?

Katja Kettu lässt persönliche Ereignisse einfließen und dabei gab ihr die Katze als erzählerischer Kniff die Distanz, die sie zum Schreiben und Erzählen ihrer Geschichte benötigte. Mit der Kombination aus Autofiktion und dem ihr zugeschriebenen Magischen Realismus schreibt Katja Kettu schonungslos offen über ihr eigenes Schicksal mit mehreren Fehlgeburten. Die existentielle Verzweiflung der namenlosen Schriftstellerin, die körperlichen Vorgänge, die Auswirkungen auf die Psyche, all dies ist eng an ihre eigenen Erfahrungen angelehnt. Eine dieser Fehlgeburten fiel in eine Zeit, als sie an einer Biographie über den finnischen Künstler Ismo Alanko arbeitete und der Zeitplan extrem eng getaktet war. Vom Verlag gab es nur wenig Entgegenkommen und die Biographie geriet zu einem viel kritisierten Flop, woraufhin sie ihren bis dahin langjährigen Verlag verließ und wechselte. Diese Erfahrung wird erkennbar durch die Figur der Schriftstellerin abgehandelt. Das ist emotional nachvollziehbar, weckt aber auch den Eindruck des Nachtretens. Im Idealfall jedoch bewirkt sie auf diese Weise mehr gesellschaftliches Verständnis für Frauen, die eine Fehlgeburt erleiden.

Wie in einigen ihrer bisher ins Deutsche übersetzten Romane hat Katja Kettu auch dieses Mal Teile ihrer Familiengeschichte aufgegriffen. Einige Verwandte sind damals in die Sowjetunion geflohen, weil sie dachten, dass dies ein besserer Ort sei – und wurden von Stalin ermordet oder ins Lager gesteckt. Auch ihre Urgroßeltern hatten den Beschluss gefasst, in die Sowjetunion zu gehen, hatten das Pferd schon vor den Schlitten gespannt und dann hat es sich das Bein gebrochen. Schlimm für das Pferd, aber dadurch wurde letztlich Katja Kettus Existenz ermöglicht. Irgendwann einmal hat sie sich mit Briefwechseln zwischen ihrer Urgroßmutter und deren Tochter beschäftigt und ein starkes Bedürfnis entwickelt, sich dieser Frau anzunähern. Tatsächlich hat sie ihre Urgroßeltern nie treffen können, die Urgroßmutter starb kurz vor einer ersten Begegnung. Mit diesem Buch gibt sie ihr eine Stimme.

Dass Katja Kettu sich nach eigener Aussage nackt fühlte und weinen musste, als sie diesen Roman erstmals in ihren Händen hielt, zeigt, wie viel selbst von ihr in diesem Werk steckt, dem ersten seit dem Verlagswechsel. Ein befreiendes Buch für sie, ein Schlüsselroman, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat ihr neue Hoffnung gegeben. Mutig, beeindruckend, sprachlich kraftvoll, strukturiert aufgebaut, kurze effiziente Kapitel, auch humorvoll. Einfach ein absolut lesenswerter Volltreffer!

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