Ville Ranta : Wie der König den Kopf verlor
Buchbesprechung von Frank Rehag, August 2026
dt. Erstausgabe: 2026 - Reprodukt, Berlin
finn. Originalausgabe: 2018 - Werner Söderström Ltd (WSOY), Helsinki
Titel der finnischsprachigen Originalausgabe: "Kunigas menettää päänsa"
aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
Lettering: Minou Zaribaf
Font: Jean François Rey
Ville Rantas Wie der König den Kopf verlor ist eine derart skurrile und surreale, aber auch äußerst witzige Graphic Novel, die den Lesern eher den Verstand kosten könnte als dem König den Kopf. Eine Spur des Wahnsinns durchzieht diesen Band und trotz der zunächst zusammenhanglos und chaotisch wirkenden Erzählung ist diese letztlich viel strukturierter, als man glauben mag. Absurdität, Extravaganz und Überraschungsmomente aus dem rantaschen Kosmos finden sich nahezu überall und Vergleiche mit Monty Pythons Ritter der Kokosnuss sind keineswegs aus der Luft gegriffen, was nicht zuletzt den völlig schrägen Figuren in dieser Comic-Fantasie-Geschichte geschuldet ist.
Der König lebt in einer immer mehr verfallenden Burg, deren Instandhaltung nicht vorankommt. Er ist vorwiegend mit dem Abdichten von Löchern beschäftigt, damit es nicht in alle Räume hinein regnet – niemand sonst fühlt sich verantwortlich. Zudem steckt der Herrscher in einer Krise, er stellt sich zahlreiche Fragen über den Sinn des Lebens und die verrückt gewordene Welt, die ihn umgibt.
Seine drei Teenager-Töchter, deren Sorgerecht er sich mit ihrer Drachenmutter teilt, sind in den sozialen Medien versunken und starren lieber auf ihr Smartphone, statt sich um die Bemühungen des Vaters zu kümmern. Die Hofnärrin des Anwesens kann nicht anders, als sich über den König lustig zu machen, und entpuppt sich gleichzeitig als dessen On-Off-Geliebte, die immerhin noch an Sex mit ihm interessiert ist. Die Mutter des Königs lebt unter grotesken Bedingungen im Burgturm und erlebt ihre letzten Augenblicke in der Latrine – wobei der gesamte Abschnitt über die Mutter ein Feuerwerk an Extremen bietet und auch hier der bissige schwarze Humor Monty Pythons in Erinnerung gerufen wird.
Für die Bewältigung seiner existenziellen Krise macht sich der König mit dem lüsternen Pfarrer nochmals auf zu neuen Heldentaten: Burgen und Jungfrauen erobern, Drachen töten. Es folgt das besoffene Treiben des alten Duos, wobei der Pfarrer deutlich pathologischer veranlagt ist und der gemeinsame Eroberungszug ziemlich ungeplant endet. Die existenzielle Angst und Frustration des Königs erreicht neue Höhen. Alles ist sinnlos. Aber ob dem König ein Traum den Sinn des Lebens offenbart, wo ihm ein von einem Heiligenschein umgebendes Kindchen erscheint, im gleißenden Licht?
Die Mischung aus mittelalterlichem Setting und zeitgenössischen Einlagen überrascht. Schwerter und Drachen treffen auf Smartphones, PKWs und andere Elemente der modernen Welt. Irgendwann sind auch die Töchter wie gewöhnliche Teenager von heute gekleidet. Diese Graphic Novel ist ein absurdes Märchen für Erwachsene, gekleidet in Ritterburgfantasien. Die Botschaft hingegen bleibt unmissverständlich und spart nicht mit Kritik am Patriarchat, das mit großer angebrachter Schärfe persifliert wird. Die Hauptfigur, die unaufhaltsam im Strom der Zeit untergeht, weckt letztendlich auch Hoffnung und andere Gefühle als das bloße Fremdschämen für dieses jahrtausendealte System. Diese erfrischend freche und provokative Satire ganz in der Tradition der alten Hofnarren ist eine Empfehlung für alle, die sich dem chaotischen Wahnsinn und der Fantasie Ville Rantas hinzugeben wagen.