Sirpa Kähkönen : Komm, Mama
Buchbesprechung von Frank Rehag, April 2026
dt. Erstausgabe: 2025 - Karl Blessing Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe, München
finn. Originalausgabe: 2023 - Siltala, Helsinki
Titel der finnischsprachigen Originalausgabe: "36 Uurnaa"
aus dem Finnischen von Stefan Moster
Die Mutter der Schriftstellerin Sirpa Kähkönen, Riitta, starb nach langer Krankheit im März 2022. Als sie noch lebte, fiel es ihr schwer, Liebe anzunehmen. "Ich trauere nicht um deinen Tod, ich trauere um dein Leben", schreibt Sirpa, wohl wissend, dass ihrer Mutter der Satz nicht gefallen würde und diese, sobald sie ihn hörte, erwiderte: "Du tust nur so."
In diesem stark autobiografisch geprägten Roman nimmt Sirpa in sehr direkter und schnörkelloser Ansprache Abschied von ihrer verstorbenen Mutter. Sie möchte endgültig versuchen zu verstehen, was ihre Mutter zu einem so schwierigen Menschen gemacht hat, warum ihre Beziehung so konfliktreich war. In einer Art Kammerspiel sitzen sie in einer einzigen Nacht in Kähkönens Zuhause. Auch die Tochter von Tuoni, dem Gott der Unterwelt, ist anwesend, führt Buch über den Nachlass und wird die Mutter nach dem Ende der Zusammenkunft über den Fluss ins Totenreich führen. Mithilfe von 36 Grabbeigaben in Form von Fotos, Gegenständen, Tagebucheinträgen und Erinnerungen, die sie der Mutter für die letzte Reise in den Koffer packt, lässt Sirpa die Familiengeschichte der letzten knapp einhundert Jahre Revue passieren.
Sie spricht zu ihrer Mutter, stellt Fragen, erhebt Vorwürfe, bringt aber auch Liebe zum Ausdruck. Im Mittelpunkt stehen Tagebücher aus jüngeren Jahren, auf die Sirpa Bezug nimmt und aus denen sie zitiert – offensichtlich war auch die Mutter literarisch begabt. Sie gräbt in eigenen Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, an die Geborgenheit bei den Großeltern mütterlicherseits, an das Aufwachsen mit der unberechenbaren Mutter. Es entsteht ein Bild von Menschen, die für ihr Leben gezeichnet sind – vorwiegend den Geschehnissen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschuldet. Sirpas Großvater war Kommunist und wurde viele Jahre lang im Zwangsarbeitslager körperlich und seelisch misshandelt, die Großmutter war 'Witwe eines Lebenden', deren Erstgeborener kurz nach der Geburt starb und die kaum Kraft für die beiden während der Kriegsjahre geborenen Kinder hatte, da ihr Mann erneut fort war, nun im Krieg. Eine solche Kindheit blieb bei deren Tochter Riitta nicht folgenlos, jedoch war es ein Verkehrsunfall im Jugendalter, der Riittas Leben dramatisch veränderte. Zwar erholte sie sich körperlich davon, psychisch traf er sie aber umso härter. Sie wusste nicht, wie sie besser lieben sollte, als sie selbst geliebt worden war, wurde verbittert, verfiel dem Alkohol...
Bereits in den Romanen aus ihrer Kuopio-Reihe hat sich Sirpa Kähkönen mit dem biografischen Hintergrund und der harten Lebenssituation ihrer Großeltern befasst, jedoch mehr fiktional als in dem hier vorliegenden Roman, der eine aufschlussreiche Selbstreflexion ist, ein stilles, persönliches Requiem. Mit poetischer Sprache legt sie unterdrückte Gefühle offen und bringt trauernde Wut zum Ausdruck, stets mit dem Wunsch zu verstehen. Dieses brillant geschriebene Buch pendelt zwischen Zeitachsen und Perspektiven hin und her, lässt die innere Not der Menschen spüren und Bilder der Ereignisse entstehen. An dieser Stelle gebührt auch Stefan Moster für die Übersetzung ins Deutsche ein großes Lob. Sirpa Kähkönen zeigt, dass sie eine großartige Zeit- und Milieubeschreiberin ist, und für Komm, Mama zurecht mit dem renommierten Finlandia-Preis ausgezeichnet wurde, für den sie – familiär gesehen – einen hohen Preis zahlte. Das Wichtigste jedoch sind letztlich die bleibenden, liebevollen Erinnerungen, mit denen sie sich ihrer Mutter gegenüber versöhnlich gibt.