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Rosa Liksom : Die Frau des Obersts

Buchbesprechung von Frank Rehag, April 2020

dt. Erstausgabe: 2020 - Penguin Verlag in der Verlagsgruppe Random House, München
finn. Originalausgabe: 2017 - Like Kustannus Oy, Helsinki
Titel der finnischsprachigen Originalausgabe: "Everstinna"
aus dem Finnischen von Stefan Moster
  
Kurz vor Mitternacht in einem Holzhäuschen in einem Dorf in Lappland: die Frau des Obersts – sie bleibt in diesem Roman namenlos – legt Holz in den Kamin und lässt ihr Leben, das sich auf der Schlussgeraden befindet, Revue passieren und unterteilt es in vier Abschnitte. Ein erstes Leben, das sie zwischen den beiden Weltkriegen und inmitten des finnischen Bürgerkriegs in einer Familie aufwachsen ließ, die der Weißen Garde angehört hatte; ein Leben, das von den ideologischen faschistischen Ideen des Vaters, der in ein reiches Bauerngeschlecht und in die einzige Kaufmannsfamilie von Kittilä hineingeboren wurde, geprägt war; ein Leben, in dem sie von der Mutter, die einem finnlandschwedischen Adelsgeschlecht angehörte, mit körperlicher Gewalt und Angst aufgezogen wurde; ein Leben, das sie schon in Kindesjahren bei den Kleinen Lottas mitwirken und von der politisch rechts orientierten Lotta-Idee zur Anfangszeit der Organisation schwärmen ließ, später im jugendlichen Alter dann von den Schwarzhemden der Lapua-Bewegung und letztlich vom Nazismus des Führers, als ihr "die aus miserablen Zutaten gebackenen finnischen Faschisten" nicht mehr genügten. Maßgeblich prägend aber war der Oberst, ein Militär mit rechter Gesinnung und Bekannter des Vaters, dem sie erstmals im Alter von vier Jahren begegnete und der im Haus der Familie ein und aus ging. Der Vater starb, als sie elf Jahre alt war. Seinen Platz nahm daraufhin nicht etwa der mit den Kommunisten sympathisierende Onkel Matti ein, sondern der Oberst ("Mein Onkel war zu lasch, und meine Mutter brauchte einen fähigen Mann an Vaters Stelle"). Obwohl der Oberst 28 Jahre älter war als sie – ihr Vater war ebenso viel älter als ihre Mutter – fühlte sie sich zu ihm hingezogen, wurde durch und mit ihm zur glühenden Nationalsozialistin und heiratete ihn nach mehr als zehn Jahren des Techtelmechtels zur Zeit des Lapplandkriegs im Herbst 1944 – trotz aller Warnungen, dass er ein Tyrann sei. Die Ehe unter der Kontrolle und Knute des alten Obersts war von Gewalt geprägt. Demütigungen, Tritte, Peitschenhiebe, seelische Folter, der Verlust des ungeborenen Kindes und letztlich der Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt bestimmten diese Zeit bis zur Trennung – das zweite Leben.
Die gemeinsame Zeit mit dem jungen Tuomas, 28 Jahre jünger als sie, bestimmte das dritte Leben. Sie begegneten sich erstmals, als sie wieder als Lehrerin zu arbeiten begann und Tuomas ihr Schüler war – auch das moralisch fragwürdig. Sie hielt um seine Hand an, als er siebzehnjährig als unbezahlter Hausmeister an der Schule arbeitete. Alsbald gab sie den Lehrerberuf auf und wurde Schriftstellerin, mal weniger und mal mehr erfolgreich. Zwanzig Jahre nach der Heirat ließen sie sich scheiden, weil Tuomas doch noch Nachwuchs in dieser Welt hinterlassen wollte. Allerdings bleiben die beiden nach der Trennung bis heute in Freundschaft verbunden – das vierte Leben, das sich nun auf der Zielgeraden befindet.  
Als Grundlage für diesen Roman diente Rosa Liksom die Lebensgeschichte der Annikki Kariniemi (Schriftstellerin, geboren 1913 in Rovaniemi, gestorben 1984 in Ylitornio), die sie literarisch schonungslos verarbeitet, vermischt mit unkonventioneller Fiktion nach Liksomscher Art. Beschreibungen zur Natur Lapplands wechseln ab mit häufig vorkommenden vulgären Darstellungen (Möse, Fotze, Schwanz...), kriegs- und gewaltverherrlichenden sowie unmenschlichen Ansichten zum Rassenhass oder zur Erniedrigung der Frau, dass einem als Leser die Galle hochkommt. So sehr man die in der Ich-Erzählform berichtende Hauptprotagonistin aufgrund ihrer Gesinnung und ihres Handelns verachtet, möchte man für sie aber auch Mitgefühl entwickeln wegen des Leids, das ihr während der Ehe mit dem Oberst widerfährt. Das Mitgefühl hält sich allerdings dann wieder in Grenzen, als sie sich erst dann von ihm trennt, weil sie kapiert, dass sie auch nach der Scheidung den Titel 'Frau des Obersts' behalten darf. Als Leser verurteilt man das Verhalten dieser Frau – vor allem im Zeitraum bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs –, zumal auch nur ein geringes Maß an Selbstreflexion vorhanden zu sein scheint (in ihrem dritten Leben nennt sie ihre Katze Eva Braun); dennoch sollte man auch einmal hinterfragen, wie man selber geworden wäre, wäre man zu jener Zeit unter diesen Bedingungen in diesem Umfeld aufgewachsen. Als Biografie kann man diesen Roman sicherlich nicht werten, aber er taugt allemal als Zeitzeugnis für die Ideologien und Verwerfungen innerhalb Finnlands im Zeitraum zwischen finnischem Bürgerkrieg und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine gute Handreiche ist das Glossar am Ende des Buches, hierin finden sich vor allem wertvolle Informationen zu Personen und anderen Begrifflichkeiten zur damaligen Zeit. Für die literarische Umsetzung gebührt der Autorin ein großes Lob, ebenso dem Übersetzer Stefan Moster, dessen Übertragung ins Deutsche hervorragend gelungen ist. Die Frau des Obersts ist zwar äußerst schwer zu verdauende Kost, aber auch großartige und wertvolle Literatur.
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