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Das Finnische und seine langen Wörter

von Dr. Angela Plöger
dieser Text erschien ursprünglich im September 2020 in der Deutsch-Finnischen Rundschau Nr. 186, einer Zeitschrift der Deutsch-Finnischen Gesellschaft e.V. Für die hier vorliegende Veröffentlichung wurde er von der Autorin korrigiert und ergänzt.

In lockeren Gesprächsrunden, in denen es um die Eigenheiten der verschiedenen Sprachen geht, ist häufig zu hören, dass für das Finnische sehr lange Wörter typisch seien. Das ist durchaus richtig und hat vor allem zwei Gründe.

Neue Wörter werden durch Anhängen von vielerlei bedeutungstragenden Endungen (Suffixen) an den Wortstamm gebildet. Ebenso werden die Beziehungen der Wörter im Satz wie zum Beispiel Ortsangaben, Bezeichnung des Besitzers und anderes durch Anhängen diverser Endungen zum Ausdruck gebracht.

Zum Beispiel:
  • tietää
  • tietämätön
  • tietämättömyys
  • tietämättömyydellä
  • tietämättömyydellänsä / tietämättömyydellään
  • tietämättömyydellänsäkään
  • tietämättömyydellänsäkään

  • talo
  • talossa
  • talosta
  • taloni
  • talomme
  • talossani
  • talostamme
  • taloissani
  • taloistamme
wissen
unwissend
Unwissenheit
durch Unwissenheit
durch seine Unwissenheit
auch nicht durch seine Unwissenheit
auch nicht durch seine Unwissenheit?

Haus
im Haus
aus dem Haus
mein Haus
unser Haus
in meinem Haus
aus unserem Haus
in meinen Häusern
aus unseren Häusern
Diejenigen Sprachen, die die grammatischen Beziehungen im Satz in dieser Weise durch Anfügen von Endungen ausdrücken, werden agglutinierende Sprachen (von latein. agglutinare = 'ankleben') genannt. Dazu gehören auch Ungarisch und Türkisch.

Der zweite Grund ist, dass man im Finnischen sehr leicht zusammengesetzte Wörter bilden kann. Das gelingt nicht in allen gängigen Sprachen. So sind im Englischen Wortzusammensetzungen eher selten und recht kurz (letterbox, bottleneck). Im Finnischen gibt es unzählige, aus zwei und drei Teilen zusammengesetzte Wörter. Aber in den letzten Jahren springen der aufmerksamen Zeitungsleserin immer mehr Wortungetüme ins Auge, die aus vier, ja sogar aus fünf Grundwörtern bestehen.

Zum Beispiel aus vier Grundwörtern:
  • muuttotappiopaikkakunta
  • maanpuolustuskoulutusyhdistys
  • perustuslainmuutosprosessi
  • matkapakettilainsäädäntö
  • kaukopalvelukirjastonhoitaja
  • koeputkihedelmöityshoito
  • puutiaisaivotulehdusrokote
  • ylikapellimestarikausi
  • kauravälipalajuoma
  • miessivuosanäyttelijä
  • väliaikaisrekisteritunnus
  • ilmatorjuntakonekivääri
  • sähköpotkulautaoperaattori
 
Zum Beispiel aus fünf Grundwörtern:
Ortschaft, die durch Abwanderung Einwohner verliert
Vereinigung für die Schulung in Landesverteidigung
Grundgesetzänderungsprozess
Gesetzgebung zu Pauschalreisen
Bibliothekar in der Fernleihe
Fertilitätsbehandlung durch Befruchtung im Reagenzglas
Impfstoff gegen Hirnhautentzündung, die durch Zeckenbiss übertragen wird
Ära eines Generalmusikdirektors
Getränk aus Hafer als Zwischenmahlzeit
männlicher Schauspieler in einer Nebenrolle
provisorisches Nummernschild (am Auto)
Luftabwehrmaschinengewehr
Betreiberfirma von elektrischen Tretrollern
  • maataloustukipakettipäätös
  • kertakäyttöpartakoneterä
  • rautatieverkkouudistushanke
  • virkaehtosopimusosapuoli
  • tietokonetomografiakuva
  • valkoposkihanhityörymä
Beschluss über Landwirtschaftsstützungspaket
Klinge eines Einwegrasierapparats
Projekt Erneuerung des Eisenbahnschienennetzes
Partner des Beamtentarifvertrags
Computertomografiebild
Arbeitsgruppe Weißwangengänse
Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass es in der hypothetischen finnisch-ugrischen Grundsprache, aus der sich alle heutigen Sprachen dieser Sprachgruppe (Finnisch, Ungarisch, Estnisch, Samisch und weitere sechs kleinere Sprachen, die in Russland gesprochen werden) entwickelt haben, nur ein- und zweisilbige Wörter gab. Als zum Urwortschatz gehörend gelten u.a.:

  • finnisch: puu, ungarisch: fa = 'Baum'
  • finnisch: kala, ungarisch: hal = 'Fisch'
  • fnnisch: vesi, ungarisch: víz = 'Wasser'
  • finnisch: voi, ungarisch: vaj = 'Fett, Butter'
  • finnisch: käsi, ungarisch: kéz = 'Hand'
  • finnisch: mennä, ungarisch: menni = 'gehen'
  • finnisch: me / te, ungarisch: mi / ti = 'wir / ihr'  

Zur Bezeichnung von Orts- oder anderen Angaben standen zu Urzeiten noch nicht so viele Endungen zur Verfügung wie heute im Finnischen. Möglicherweise waren es nur zwei, ähnlich wie in der als archaisch geltenden Sprache des kleinen finnisch-ugrischen Volks der Chanten in Sibirien, als sie in den 1930er Jahren aufgezeichnet wurde: -na (die noch heute im Finnischen als Essiv-Kasus fortlebt) und -a.  Die finnische Sprache hat also eine enorme Entwicklung zu einem sehr hohen Grad der Differenzierung erlebt, und dieser Prozess schreitet immer weiter voran - ebenso wie in der Gesellschaft. Ist doch die Sprache ein Spiegelbild der Gesellschaft.
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