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Volter Kilpi : Der Wanderer auf dem Eis

Buchbesprechung von Frank Rehag, Juli 2022

dt. Erstausgabe: 2021 - mare Verlag, Hamburg
finn. Originalausgabe: 1934 - Otava, Helsinki
Titel der finnischsprachigen Originalausgabe: "Pitäjän pienempiä. Saaristoväkeä arkisillaan"
aus dem Finnischen von Stefan Moster
Aus der Originalausgabe wurden drei Erzählungen ausgewählt: "Der Wanderer auf dem Eis" ( "Jäällävaeltaja") / "Lundström von Kaaskeri" ("Kaaskerin Lundström") / "Die Seemannswitwe" ("Merimiehen leski")
Der achtzigjährige Taavetti Lindqvist zieht trotz seines hohen Alters einen mit Wacholderholz voll beladenen Schlitten hinter sich her. Wie all die Jahre zuvor schnitzt er aus dem biegsamen Holz, das er in den Klippen von Kihti sammelt, die für den Schiffsbau benötigten Nägel. Während seine Kräfte beim Gang über das Schäreneis mehr und mehr schwinden, lässt er sein Leben Revue passieren, sinniert über die Freuden, vor allem aber über die Enttäuschungen seines Lebens... Auf Kaaskeri lebt Lundström, ein alkoholkranker ehemaliger Kapitän, der vor dreißig Jahren einen katastrophalen Schiffbruch überlebte. Er steuerte betrunken das Schiff "Esmeralda", als es an der Spitze Gotlands auf Grund lief. Nur er und der Koch überlebten, alle anderen Besatzungsmitglieder wurden vom Meer verschlungen. Seitdem gibt er in seinem Haus auf Kaaskeri Unterricht in Navigation – denn theoretisch beherrscht er das sehr gut – und Rechnen. Auch die Reichweite einer Flasche Schnaps weiß er sehr gut für eine Woche zu kalkulieren, bevor seine Schüler ihm Nachschub bringen... Die alte und inzwischen mehr gebückt als gestreckt gehende Seemannswitwe Ketoniemi-Riikka, von allen wegen ihrer Herkunft so genannt, füllt ihre Lebenstage seit jeher mit dem Herstellen von Dichtwerg, das sie mit ihren Fingern aus Seilen rupft und zupft. Sie hat den Ruf der schnellsten Dichtwergrupferin in der Gemeinde. Während ihrer Arbeit schwelgt sie fast ständig in Erinnerungen an ihren Mann Kustaa, der Bootsmann auf der "Esmeralda" gewesen ist, als diese vor Gotland havarierte...
Mit Teilen aus der Schären-Trilogie Volter Kilpis (1874-1939) haben der mare Verlag und der Übersetzer Stefan Moster Teile eines literarischen Juwels für die deutschsprachige Leserschaft zugänglich gemacht. Zum einen hat Stefan Moster Kilpis bedeutendstes Werk Im Saal von Alastalo mit seinen mehr als tausend Seiten ins Deutsche übertragen, zum anderen die hier vorliegenden Erzählungen im Erzählband Der Wanderer auf dem Eis. Die finnische Originalfassung beinhaltet fünf Erzählungen, für die deutsche Übersetzung wurden aus diesen drei ausgewählt. Diese handeln von den einfachen Menschen in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts in der Schärengemeinde Kustavi, aus der auch Kilpi stammte. Finnland war damals als Großfürstentum Teil des Russischen Reiches, es war die Blütezeit der Segelschifffahrt, als die kommerzielle Nutzung der Segelschiffe den Zenit erreichte und die Schärengemeinden um Turku sehr stark am Seehandel partizipierten. Die Stützen der Gesellschaft trieben den Bau von Schiffen voran, jedoch hätte das alles nicht ohne die kleinen Leute funktionieren können, deren Zuarbeit das alles erst möglich machte. Die Schärengesellschaft konnte nur funktionieren, wenn alle Rädchen des Gesellschaftsgetriebes ineinander liefen, große wie kleine. Und diesen kleinen Rädchen gibt Volter Kilpi in seinen Erzählungen eine Stimme. Mit einer faszinierenden Akribie beschreibt Kilpi die mühsamen Lebensumstände dieser Leute, aber auch deren Wichtigkeit: ohne Menschen wie Lundström hätten die Söhne der reichen Bauern keine Navigation lernen und kein Schiff steuern können; ohne Menschen wie Taavetti Lindqvist hätten die Schiffszimmerleute keine Nägel in die Spanten treiben und keine Schiffe bauen können; ohne Menschen wie Riikka wären die Schiffe nicht wasserdicht gewesen. Alle Erzählungen haben mehr oder weniger einen Zusammenhang zueinander: Riikkas Mann Kustaa war Bootsmann auf der "Esmeralda", die Lundström auf Grund steuerte. Taavetti Lindqvist sieht auf seinem Weg über das Eis die Lichter der Häuser, in denen Lundström und Riikka wohnen. Schön auch, dass Stefan Moster die alten Bezeichnungen und Einheiten beibehalten und nicht durch Wörter der heutigen Zeit ersetzt hat. So wird die Länge in Werst angegeben, das Gewicht in Gran. Dieses postkartengroße Büchlein mag klein in der Gestalt sein, es bietet aber ganz große Literatur mit einer wortgewaltigen und bildreichen Sprache. Hervorragend!
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Frank Rehag / Birgit Arnold
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