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Juha Hurme : Der Verrückte

Buchbesprechung von Bettina Dauch, Februar 2020

dt. Erstausgabe: 2019 - Kommode Verlag, Zürich
finn. Originalausgabe: 2012 - Teos, Helsinki
Titel der finnischsprachigen Originalausgabe: "Hullu"
aus dem Finnischen von Maximilian Murmann
Es fängt mit dem Tod an. Einem der verschiedenen Tode, die der Erzähler kennengelernt hat. Bereits auf der vierten Seite stirbt er zum dritten Mal und leitet damit die eigentliche Geschichte ein. In dieser Geschichte nimmt er uns ohne Vorwarnung in seine chaotische Gedankenwelt mit. Bereits in den ersten Minuten fragt man sich, ob hier noch die Realität oder ein Traum oder etwas dazwischen beschrieben wird. Die Geschichte erzählt vom Anmarsch des 'Es', das binnen weniger Stunden vom Erzähler Besitz ergreift. Plötzlich erscheinen die alltäglichsten Tätigkeiten unmöglich. Gegenwart, weit zurückliegende Erinnerungen und Reflexionen über eigene und fremde Menschenbilder vermischen sich. "Tot musste ich sein, weil sich das Koordinatensystem vollkommen verändert hatte." Er verliert wiederholt die Orientierung und das Gefühl für Raum und Zeit und wird von Halluzinationen geplagt, während Paranoia und Misstrauen stetig zunehmen. Also begibt er sich in die Anstalt, zuerst in das gelbe Haus, dann in das weiße Haus daneben. Bereits nach kurzer Zeit wird er in die geschlossene Abteilung, das graue Haus, verlegt. Von nun an erlebt er Einiges im Dämmerzustand und bekommt regelmäßig Medikamente und Spritzen verabreicht. Seine schwerkranke Mutter taucht regelmäßig auf, mal älter, mal jünger, mal lebendig, mal sterbend. Immer wieder gehen Gegenwart und Vergangenes nahtlos ineinander über. Auch seine Tochter und seine Partnerin kommen mehrfach vor. Einige Teile der Erzählung lesen sich wie Beschreibungen eines Traums, in dem sich ständig Kulissen und Personen verwandeln. Indessen macht er die Bekanntschaft diverser anderer Patienten, darunter die junge 'Einsdreiundsechzigeinhalb' und der Prophet Aamos, 'Stechblick' und der Retromusik-Freak Puupponen. Der Erzähler versucht, die Logik und die Gedanken der Geisteskranken um ihn herum zu schildern. Dabei hindert ihn das innere Chaos keineswegs an scharfsinnigen Beobachtungen und Analysen gesellschaftlicher Phänomene; unter anderem widmet er sich einer vergleichenden Studie der Weihnachtsevangelien. Er liest viel, vor allem Werke des finnlandschwedischen Dichters Josef Julius Wecksell, schreibt aber auch selbst, um "bei Verstand zu bleiben". Zunächst verfasst er eine Geschichte über den verworrenen Lebenslauf des finnischen Autors Maiju Lassila. Später schreibt er ein Theaterstück über J. J. Wecksell, in dem dieser die Tragödie 'Daniel Hjort' ersinnt und verfasst. Das Stück wird an Silvester in der Anstalt von den Patienten uraufgeführt und umfasst gut 70 Seiten des vorliegenden Buches.
Der Verrückte ist - analog zum Inhalt - in einer etwas abstrus bildhaften Sprache verfasst, mit skurrilen Metaphern und ungewöhnlichen Wortverbindungen durchsetzt, die von Maximilian Murmann überzeugend ins Deutsche übertragen wurden. Der Theaterexperte Juha Hurme hat in der Vergangenheit selbst eine kurze Zeit mit einer Psychose in einer psychiatrischen Klinik verbracht und seine eigenen Erfahrungen in Der Verrückte verarbeitet. Thematisch ist es keine leichte Kost, aber der oft amüsante Erzählstil lässt keine Schwermut aufkommen. Für Freunde des Außergewöhnlichen auf jeden Fall zu empfehlen!
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