Literatur Riikka Pulkkinen - Wahr (Buchrezension von Annemarie Leibenguth, November 2012) Elsa ist eine bekannte Psychologin, spezialisiert auf Kinderpsychologie, und mit dem erfolgreichen Kunstmaler Martti verheiratet. Nun liegt sie mit Krebs im Endstadium im Sterben. Entschlossen, die ihr verbleibende Zeit für die schönen Dinge des Lebens zu nutzen, kehrt sie dem Hospiz den Rücken. Ihre Tochter Eleonoora, selbst Mutter zweier Töchter, ist als Ärztin nicht begeistert davon, muss sich aber wie so oft dem Willen ihrer Mutter beugen. Zu einem französisch inspirierten Picknick putzen sich Großmutter und Enkelin Anna heraus mit alten Kleidern, dafür sucht Anna sich eines aus, das bei Elsa Erinnerungen an ein totgeschwiegenes Ereignis von vor gut 40 Jahren weckt: Die Studentin Eeva kam als Kindermädchen in die Familie und blieb als Geliebte. - In parallelen Strängen erzählt der Roman einerseits von Elsa und allen, die ihr Sterben begleiten, und andererseits von Eevas Leben. Immer deutlicher zeigt sich in Eevas Geschichte Annas noch nicht ganz überwundene Liebe zu einem verheirateten Mann und seiner kleinen Tochter. Das Geschichtenerzählen liegt Anna im Blut, schon als Kind war sie mit ihrem Großvater in der Straßenbahn unterwegs und gemeinsam dachten sie sich Geschichten für und über die Mitreisenden aus. Wie eng Annas und Eevas Geschichten miteinander verbunden sind, zeigt sich, als Anna auf die Suche nach Zeitzeugen geht, mit Eevas Schwester und der besten Freundin spricht und sich daraufhin Details der Geschichte ändern. Es bleibt bis zum Ende unklar, wie viel Anna in Eevas Erzählung steckt, wie viel der Geschichte Anna empfunden oder erfunden hat. Eeva starb nicht lange nach dem Ende der Beziehung an einer Virusinfektion, Elsa stirbt an Krebs. Doch Anna lebt und kann mit zwei gelebten Geschichten der Liebe zu einem Mann und einem Kind für sich einen neuen Weg ins Leben und das Vertrauen in die Liebe wagen. Der Roman Wahr handelt von den verschiedenen Entwürfen des Lebens als Frau, von der Emanzipation der Einzelnen sowie der alles verändernden Kraft der Liebe, die auch zerstörerische Züge trägt. Ganz im Stillen und Alltäglichen verhandeln die Charaktere immer wieder neu, ob sie ihre Bindungen als Fesseln der Liebe oder als sicheres Auffangnetz empfinden, ohne zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen. Die Auseinandersetzungen zwischen (Ersatz-)Müttern und Töchtern, die Schwierigkeit, jeden Menschen als Individuum wahrzunehmen, und die Distanz, die diese Erkenntnis mit sich bringt, überwinden Riikka Pulkkinen und ihre Übersetzerin Elina Kritzokat in einem einfühlsamen und fließenden Text, der die Klippen des Lebens und der Liebe nicht verdrängt, aber sicher umschifft. dt. Erstausgabe: 2012 - List innerhalb der Ullstein Buchverlage, Berlin fin. Originalausgabe Totta: 2010 - Otava, Helsinki aus dem Finnischen von Elina Kritzokat