Literatur Riikka Pelo - Unser tägliches Leben (Buchrezension von Frank Rehag, September 2017) Dieses Buch, für das die Autorin Riikka Pelo den renommierten Finlandia-Preis erhielt, beruht auf einer wahren Geschichte und erzählt vom besonderen Verhältnis zwischen der Lyrikerin Marina Zwetajewa (1892-1941) und ihrer ältesten Tochter Ariadna (1912-1975). Es zeigt die Möglichkeiten der Literatur bezüglich der Geschichtsschreibung und wie sich Geschichte auf Familien und Einzelne auswirkt. Es zeigt, was es bedeutet, auf der Flucht sein zu müssen, im Exil leben zu müssen, unter der Repression einer Diktatur leiden zu müssen – Themen, die auch heute immer noch aktuell sind. Marina Zwetajewa und ihre Familie sind besonders betroffen von den Ereignissen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Die Zerstörung dieser Familie beginnt im Grunde mit der Russischen Revolution 1917. Zwetajewas Ehemann Sergei Efron, im Roman Serjoscha genannt, kämpfte als Revolutionsgegner für die Weiße Armee, muss nach dem Sieg der Roten fliehen und gilt lange Zeit als verschollen. Marina bleibt zurück und muss sich und ihre zwei Töchter Irina und Ariadna alleine durchbringen. Die jüngere Tochter Irina stirbt während der Moskauer Hungersnot an Unterernährung. Nachdem Marina Zwetajewa in einem Brief erfährt, dass sich Efron in Berlin aufhält, verlässt sie mit Ariadna, im Roman Alja genannt, die Sowjetunion und folgt ihm zunächst dorthin. Kurze Zeit später zieht die Familie nach Prag weiter. Efron wohnt in einem Studentenwohnheim und Marina bezieht mit Alja eine Wohnung in einem kleinen Dorf am Rande der Stadt. 1925 lässt sich die Familie schließlich in Paris nieder, wo sie bis zum Ende des Exils bleibt und wo der Sohn Georgi, im Roman Mur genannt, geboren wird. Zwetajewa wird nie richtig glücklich in Paris und der russischen Emigrantengemeinde stößt sie vor allem mit ihrer Bewunderung für den sowjetischen Dichter Majakowski vor den Kopf. Während der Zeit in Frankreich löst sich Alja allmählich von der Familie und beginnt, Interesse für den neuen Sowjetstaat zu fassen, für die neue Welt, für den Kommunismus. Auch Serjoscha versucht, sich im Sinne des Sozialismus zu bewähren und kehrt 1937 in die Sowjetunion zurück, Alja zwei Jahre später. Beide geraten in das Räderwerk des Stalinismus mit all den Grausamkeiten, dem Missbrauch durch den Geheimdienst, dem Misstrauen und dem Verrat auch unter denjenigen, denen man vertraut. Marina gibt ihre Ablehnung des Sowjetstaates nie auf, trotzdem kehrt auch sie 1939 widerwillig mit ihrem Sohn dorthin zurück, ohne Hoffnung auf eine Zukunft im Land von ‘Vater Sonne’, wie Stalin genannt wird. Exakt einen Sommer lang schafft es die Familie, gemeinsam zu verbringen. Dann wird erst Alja als Vaterlandsfeindin verhaftet, kurze Zeit später Serjoscha. Während Alja zur Zwangsarbeit in den Gulag kommt, wird ihr Vater zum Tode verurteilt. Marina und Georgi werden nach Jelabuga evakuiert, wo sich Marina Zwetajewa 1941 in verzweifelter Lage das Leben nimmt. Wie verarbeitet man eine solche Existenz literarisch und was bewegt eine finnische Autorin, einen derart umfangreichen Roman über Marina Zwetajewa und ihre Tochter in diesen schwierigen Zeiten zu schreiben? Riikka Pelo nennt Marina Zwetajewa eine für sie wichtige Dichterin, deren Werke sie schon in ihrer Jugend gelesen hat. Den Zugang zu der Familie fand sie allerdings über die Texte und Briefe der Tochter Ariadna, die ihr somit die Brücke bauten, um mit dem Schreiben dieses Romans zu beginnen. In einem der Briefe schreibt Ariadna: “Meine Mutter hat mich in meinem Leben zweimal geliebt. Einmal, als ich ein kleines Kind war und das zweite Mal, als ich im Lager war.” – Diese beiden Zeitpunkte bilden sozusagen den Rahmen dieses Romans. Die Geschichte der Familie wird nicht chronologisch erzählt sondern von zwei unterschiedlichen Zeitebenen aus betrachtet: 1923 in Všenory, einem Dorf bei Prag, und 1939 in Moskau. In einer Art Doppelporträt wechseln sich die Prag- und die Moskau-Kapitel ab. Alja trägt ihre Erlebnisse als Ich-Erzählerin vor, Marina tritt in der dritten Person auf, wodurch vor allem die Sicht der Alja dem Leser näher gebracht wird. Besonders die Zeit in Prag zeigt die komplizierte Beziehung zwischen Mutter und Tocher. Während die Mutter immerzu bestrebt ist, in allem Alltäglichen eine seelische Dimension zu finden, sucht die Tochter das Reale und das Materielle. Ariadna wird von klein auf dazu angehalten, ihre täglichen Erlebnisse und Beobachtungen in Form von Gedichten festzuhalten. Dazu hat sie jedoch wenig Lust, sie möchte einfach nur ein normales Kind sein und begehrt gegen die Erwartungen der Mutter auf. Eine Entfremdung beginnt schon hier, die dann während der Exilzeit in Frankreich und auch nach der Rückkehr in die Sowjetunion immer größer wird. Ein Wunsch der Marina Zwetajewa war es immer, mit ihrer Tochter Poesie in einem gemeinsamen Buch zu verfassen und zu veröffentlichen, eben deren tägliches Leben. Dazu ist es freilich nie gekommen. Jedoch veröffentlichte Zwetajewa ein Buch mit dem Titel Irdische Zeichen, das auf ihren eigenen Tagebuchnotizen basierte. Dieses Buch, das von beiden hätte sein sollen, hat nun mit Hilfe von Belegen und fiktiven Möglichkeiten Riikka Pelo geschrieben, insbesondere die Sicht der Ariadna als Gegenstück zur Poetik der Mutter. Tatsächlich sind auch Passagen aus Irdische Zeichen in diesem Roman enthalten. Einem letztlich großartigen Roman mit einer großen literarischen Kraft über die Poesie, die Schwierigkeit und die Unmöglichkeit der Liebe in schwierigen Zeiten. dt. Erstausgabe: 2017 - Verlag C.H.Beck, München fin. Originalausgabe Jokapäiväinen elämämme: 2013 - Teos, Helsinki aus dem Finnischen von Stefan Moster Riikka Pelo während einer Lesung am 23. März 2017 auf der Leipziger Buchmesse. (Foto: Frank Rehag)