Literatur Mooses Mentula - Nordlicht-Südlicht (Buchrezension von Bettina Dauch, Dezember 2014) Lenne wohnt gut 50 km außerhalb von Sodankylä und kommt gerade in die vierte Klasse. Er mag sein Leben als “Waldmensch” und Sohn eines Rentierzüchters und fühlt sich gegenüber südfinnischen Stadtmenschen privilegiert, die für einen Urlaub in Lappland lange Anfahrten in Kauf nehmen. Doch die Familienidylle gerät ins Wanken, als sich Lennes Eltern zunehmend streiten. Marianne, die vor Jahren aus dem Süden nach Lappland gekommen und bald ihrem Jouni zuliebe geblieben ist, um mit ihm das Leben auf dem Land zu genießen, hat die Abgeschiedenheit mittlerweile satt und sehnt sich nach Abwechslung und den Städten des Südens. Ihr Frust geht bereits so weit, dass sie Menschen mit nervig lärmenden Nachbarn beneidet. Zunächst kann einem Marianne wie eine oberflächliche Stadtschnepfe vorkommen, die sogar versucht, ihren knapp 10 Jahre alten Sohn mit Modeklamotten zu verunstalten; an anderen Stellen wiederum entwickelt man Mitgefühl mit der jungen Mutter, die sich nicht mit einem trostlosen Leben als Dienerin von Ehemann und Sohn abfinden will. Jouni ist zwar grundsätzlich ein guter Mensch und Vater, der sich um seinen Sohn kümmert und die Familie zusammenhalten will, doch er hat etwas überholte Vorstellungen von der Ehe und zudem mit finanziellen Schwierigkeiten und zunehmenden Alkoholproblemen zu kämpfen. Die Einmischung seiner zänkischen Mutter in Jounis und Mariannes Ehe trägt auch nicht gerade zum Erhalt des Haussegens bei. Dem kleinen Lenne schlägt die Entwicklung der Dinge zunehmend aufs Gemüt und er beginnt, sich in der Schule auffällig zu verhalten. Die Lage kompliziert sich weiter, als der Junge einen neuen Lehrer bekommt: Jyri stammt aus Tuusula und hat sich erst kürzlich nach Lappland beworben, da sein unbekannter Vater aus der Region stammen soll. Zwischen Marianne und dem neuen Lehrer funkt es augenblicklich und es fällt den beiden Südlichtern schwer, diese Anziehungskraft zu unterdrücken. Auch bei Jyri wird man als Leser hin- und hergerissen: Einerseits ist er ein sympathischer junger Lehrer, dem das Einleben im hohen Norden von den Einheimischen nicht immer leicht gemacht wird. Er ist um einen guten Kontakt zu seinen Schülern bemüht, vor allem zu “Problemkindern” wie Lenne. Andererseits freundet er sich nach und nach mit Jouni an, während er gleichzeitig heimlich dessen Frau nachstellt... Der in 37 handliche Kapitel unterteilte Roman ist aus der personalen Erzählperspektive, also stets in der dritten Person geschrieben, wechselt dabei jedoch regelmäßig zwischen den Blinkwinkeln von Lenne, Jouni, Marianne und Jyri. Am bewegendsten sind zweifelsohne die Gedanken und Gefühle des Jungen, der sich zwischen den Streitereien seiner Eltern zurechtzufinden sucht und alles in seiner Macht Stehende unternimmt, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Ob es ihm gelingen wird? Eindrucksvoll, direkt und scharfsichtig, jedoch gleichzeitig nicht ohne Humor stellt Mooses Mentula die Konflikte zwischen den Menschen des wilden fernen Nordens und jenen des städtischen Südens sowie die Herausforderungen an ein auseinanderstrebendes Elternpaar dar. Einziges Manko des sonst in angenehm klarer Sprache geschriebenen Buches sind die leider wiederholten Tempusfehler bei diversen Rückblicken in die Vorvergangenheit, wodurch es zu unschönen Konfusionen der Zeitebenen kommt, die mehrfach kurzzeitig den Lesefluss stören. In jeder anderen Hinsicht kann man jedoch von einem sehr gelungenen und lesenswerten Romandebüt sprechen. dt. Erstausgabe: 2014 - Weidle Verlag, Bonn fin. Originalausgabe Isän kanssa kahden: 2013 - WSOY, Helsinki aus dem Finnischen von Antje Mortzfeldt