Literatur Johan Bargum - Nachsommer (Buchrezension von Frank Rehag, April 2018) Die todkranke Gertrud kehrt zum Sterben in ihr Landhaus nach Vidarnäs in den südfinnischen Schären zurück. Ihre beiden völlig gegensätzlichen Söhne treffen hier nach vielen Jahren wieder aufeinander. Olof wohnt in Helsinki, ist ziellos und ein wenig erfolgreicher Journalist. Der zwei Jahre jüngere Carl wanderte einst aus Karrieregründen nach San Francisco aus und ist stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Carl war immer der Liebling der Mutter und wurde bevorzugt bis zu dem Tag, als er Finnland den Rücken kehrte und in Ungnade fiel. Nur widerwillig reist er aus den Staaten an, gemeinsam mit seiner Frau Klara und den beiden Söhnen, die ebenfalls sehr unterschiedlich sind. Der ältere, Sam, ist nachdenklich und ruhig, Sebastian hingegen ist ein lästiges und hyperaktives Kind, das einem bereits beim Lesen auf die Nerven geht. Zwei weitere Personen erweisen der Mutter am Sterbebett die Ehre: zum einen Schwester Heidi, eine Art ‘Mary Poppins’, die es schafft, Sebastian bei Laune zu halten, zum anderen ‘Onkel’ Tom, ein Arzt und langjähriger Freund der Familie. Nach dem Tod des leiblichen Vaters während Olofs und Carls Kindheit diente Tom als Ersatzvater, verbrachte einen Teil seiner Sommer in Vidarnäs und war Gertruds unaufdringlicher Liebhaber. Olof mochte sich mit dieser Situation nie abfinden und hat auch heute noch eine starke Abneigung gegen seinen Ziehvater. Ebenso geht das Mobbing von Olof durch Carl auch jetzt nach all den Jahren weiter, diesmal allerdings nicht zwingend überraschend. Kurz nach der Ankunft in Kalifornien erfuhr Carl, dass Olof und Klara eine Affäre hatten, unmittelbar vor der Hochzeit mit ihr und der Abreise nach Amerika. Die Gegensätzlichkeit von Sam und Sebastian ist somit vermutlich kein Zufall. Obwohl die Affäre nur von kurzer Dauer war, empfindet Olof weiterhin eine starke Leidenschaft für Klara, die ihrerseits zusehen muss, wie Carl seinen schwächeren Bruder immer wieder demütigt. Ein Fundus von Fotografien im Haus zeigt Olof, dass seine Mutter Carl nicht nur zu ihrem Liebling machte, sondern ihm auch andere Intimitäten erlaubte. Olof hadert mit sich, seinem Leben und den darin verpassten Chancen: “Aber eins weiß ich: Ich habe sie in der Unterwelt zurückgelassen. Anstatt sie zu überreden, zu bitten, sie einzuschließen, zu entführen, zu rauben, habe ich mich hinter einer Rüstung aus Feigheit, Angst und Konventionen versteckt... Der Gott des günstigen Augenblicks hat mir ein Ei aus Gold in die Hände gegeben. Und ich habe es fallen lassen.” Als plötzlich Sam verschwunden ist, erkennt Olof, dass er endlich aus dem Schatten seines Bruders heraustreten muss... Finnlandschwedische Erzählungen sind in ungewöhnlich hohem Maße familienorientiert. Oftmals steht das Beziehungsnetz der Figuren im Vordergrund, wie auch im vorliegenden Roman Nachsommer. Obwohl dieser im schwedischsprachigen Original bereits im Jahr 1993 veröffentlicht wurde, könnte der Rahmen dieser Geschichte, in der das Unausgesprochene wie ein Damoklesschwert über der Familie schwebt, auch in der heutigen Zeit spielen. Bargum schafft es in seiner klaren Art, über Ereignisse und Erinnerungen daran zu berichten. Die Tatsache, dass er bereits seit mehr als fünfzig Jahren als Schriftsteller aktiv und Nachsommer einer von in dieser langen Zeit relativ wenigen Romanen ist, zeigt, dass er ein sorgfältiger und bewusster Schreiber ist – in der Tradition von Tove Jansson und deren ‘zweiter’ Karriere als Schriftstellerin für Erwachsene. Schön, dass diese kleine aber feine Geschichte ein Vierteljahrhundert später entdeckt wurde und in deutscher Übersetzung erschienen ist. Eine Parabel über die Notwendigkeit des Miteinanderredens. dt. Erstausgabe: 2018 - mare Verlag, Hamburg schw. Originalausgabe Sensommar: 1993 - Söderström, Helsinki aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig