Literatur Petri Tamminen - Meeresroman (Buchrezension von Frank Rehag, Dezember 2017) Als Vilhelm Huurna zwölf Jahre alt war, sagte seine Mutter, dass er eines Tages als Kapitän eines großen Schiffes über die Meere segeln würde. Sein Vater fischte, brachte immer Fische vom Meer mit und fand sich auch so in der Welt zurecht, was Vilhelm bewunderte. Zudem behauptete sein Vater, dass auf dem Meer die großen Gedanken kämen. Der Weg aus dem Örtchen Askainen auf die großen Gewässer der Welt war für Vilhelm somit vorgezeichnet. Mit sechzehn Jahren hatte er seinen ersten Schiffbruch, als er das Boot des Doktors zu einer Insel bringen sollte und dieses kenterte. Trotzdem ließ er sich nicht von dem Vorhaben abbringen, ein Leben auf See verbringen zu wollen. In der Folgezeit heuerte er auf einem Brennholzschiff an, als Schiffsjunge auf einem Schoner, als Jungmann auf einer Bark. Er brachte es zum Segelflicker und merkte, dass gewöhnlichere Kerle als er bereits als Steuerleute herumbrüllten. Er sinnierte, dass womöglich etwas Neues und Gutes auf ihn warten würde und heuerte mit dieser Hoffnung auf jedem erdenklichen Schiff an, so erbärmlich dieses auch sein mochte. Letztlich besuchte Huurna die Seefahrtschule in Turku. Die Hofherren von Askainen versprachen, ein Schiff anzuschaffen und ihn zu dessen Kapitän zu ernennen, wenn er die Schule erfolgreich beenden würde. Sie hielten ihr Wort, nachdem er das Kapitänspatent erworben hatte. Zunächst kauften sie einen alten Schoner in Wyborg, der ursprünglich ‘Jalo’ (die Edle) hieß und zu ‘Reipas’ (die Tüchtige) umbenannt wurde. Dieses Schiff endete im Sturm auf einer Sandbank vor Skagen. In Rauma kauften die Hofherren eine neue Bark, die ‘Reipas II’ getauft wurde und deren letzte Stunde auf der Reede von Liverpool schlug, als ein Dampfschiff sie rammte. Die Hofherren waren der Meinung, dass sich das Glück zum Besseren wenden würde, wenn sie selbst ein Schiff aus den Bäumen ihrer eigenen Wälder bauten. Ein Jahr lang wurde geplant und gebaut und nach der Fertigstellung sollte dieses Schiff ‘Reipas III’ heißen doch Huurna sagte, dass dieses unberührte Schiff nichts von einer ersten oder zweiten Reipas zu wissen brauche und so wurde es schlicht ‘Reipas’ benannt. Sie segelte viele Jahre über die Meere, während viele Schiffe in jenen Jahren sanken, doch einem Wintersturm vor Borkum konnte auch sie nicht mehr trotzen und lief auf Grund. Übrig blieben nur ein paar Haufen Abfallholz. Ein halbes Jahr später fanden die Hofherren in Raahe eine Brigg namens ‘Onni’ (das Glück) und baten Huurna erneut, ihr Kapitän zu werden. Im zweiten Jahr sank dieses Schiff vor Le Havre, es ging einfach unter. Ebenso erging es Huurna mit dem nächsten Schiff, einem Schoner namens ‘Rauha’ (der Friede), vor dem norwegischen Kristiansand. Nach dem Verlust des fünften Schiffes gaben die Hofherren die Seefahrt auf. Ein Gutsherr allerdings entschied sich zum Weitermachen und erwarb in Uusikaupunki einen Schoner, der den Namen ‘Armo’ (die Gnade) erhielt und mit dem Huurna seine Abschiedsjahre auf der Ostsee verbrachte. Obwohl die Seeversicherungsgesellschaften nie eine Schuld Huurnas erkannten, blieb er in all den Jahren ein an sich selbst zweifelnder Kapitän. Er war immer der Meinung, ein schlechter Seemann zu sein und dass die Schiffe aufgrund seiner Fehler sanken. Nach jeder Havarie kehrte er mit sich hadernd nach Hause zurück, immer mit dem Vorsatz, das Leben auf See aufzugeben. Jedesmal dachte er von Neuem über das Dasein nach und darüber, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Denn dieses hatte er stets behalten und er schätzte den Wert des Lebens. Die Schiffe waren untergegangen, nicht er. Trotz aller Vorwürfe, die er sich gemacht hatte, stellte er auch fest, dass er gut darin war, Fehler zu erkennen und sich an diese zu erinnern, wenn er mal wieder in eine Notsituation kam. Auch seine Unterstützer, die Hofherren, entzogen ihm nie das Vertrauen. Einer der Hofherren sagte, dass man es auch für Glück halten könne, dass Huurnas Schiffe nie in zwei Unglücke gleichzeitig geraten seien. War die Mannschaft erkrankt, hatte es mildes Wetter gegeben, packte ein Sturm zu, waren die Männer auf dem Schiff gesund gewesen. Das sei ein Zeichen für Seeglück. Und überhaupt ist Glück Glückssache, wie Huurna einmal sinnierte. Dieses kleine Büchlein, dessen Geschichte in einem nicht genannten Zeitraum spielt, aber zeitlich in den Jahren nach der finnischen Hungersnot über die Jahrhundertwende hinweg bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein anzusiedeln ist, regt zum Nachdenken über die heutige Gesellschaft an, über Dinge, die gefühlt immer seltener vorkommen: eigene Fehler erkennen, eine eigene Schuld eingestehen, Verantwortung für sein eigenes Tun übernehmen – anstatt Verantwortung stets an den nächsten weiterzuleiten und sich selbst schadlos halten zu wollen. Auch der Eindruck, dass in dieser Geschichte die Havarien und das “Scheitern” Vilhelm Huurnas im Vordergrund stehen, dagegen die vielen unkomplizierten Jahre auf dem Meer immer nur kurz angerissen werden, kann als Spiegelbild der heutigen Gesellschaft herhalten. Läuft es schlecht, redet man darüber, läuft es gut, sagt man nichts – nach dem Motto “Nichts sagen ist Lob genug”. Ausnahmen bestätigen aber immer die Regel. Für die herbstliche Fahrt ins Polarmeer nach Archangelsk, für die nicht viele den Mut aufgebracht hätten, erhält Vilhelm Huurna große Achtung, die ihm dann allerdings auch sehr unangenehm ist. Trotz der vielen unglücklichen Situationen im Leben des Vilhelm Huurna, ob auf See oder im privaten Leben, ist Meeresroman ein Mut machender Roman, dessen Geschichte beeindruckt und im Gedächtnis haften bleibt. Leseempfehlung! dt. Erstausgabe: 2017 - mare Verlag, Hamburg finn. Originalausgabe Meriromaani: 2015 - Otava, Helsinki aus dem Finnischen von Stefan Moster