Literatur Leena Lehtolainen (ein Autorenporträt von Frank Rehag, Januar 2012) Die im Jahr 1964 in Vesanto geborene Leena Katriina Lehtolainen gelangte schon im Alter von 12 Jahren in die finnische Öffentlichkeit, als ihr erster Jugendroman Ja äkkiä onkin toukokuu (dt. Und plötzlich ist es Mai) erschien - geschrieben hatte sie ihn bereits mit 10 Jahren. Darin ist der Vater der einen Hauptperson Polizist, der Vater der zweiten Hauptperson sitzt im Knast und ein dritter kommt ums Leben. Dies war zwar kein Krimi, allerdings konnte man schon da erkennen, dass sich diese junge Autorin für Verbrechen und den Tod interessierte. Ebenfalls in jungen Jahren - da war sie 17 - erschien Kitara on rakkauteni (dt. Die Gitarre ist meine Liebe). Dabei handelt es sich um einen Roman über eine Jugendband. Leena war als Jugendliche recht wild, probierte vieles gerne aus und hatte ein Faible für Musik: Sowohl Punk und Blues als auch Opernmusik - da waren sehr viele Stilrichtungen vertreten. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass auch ein Stück Leena in diesem Jugendroman steckt. Vor ihrem Studium arbeitete sie als Reinigungsfrau in Vuosaari, sowohl an der Kasse als auch an der Essensausgabe in der Kantine der Finnischen Staatsoper sowie als Verkäuferin in der Buchabteilung eines Kaufhauses. Dies belegt, dass sie gerne alles Mögliche ausprobierte. Ihr Studium der Literaturwissenschaften an der Universität Helsinki absolvierte sie in den Jahren 1985-1988. Schon während dieser Zeit arbeitete sie als Fernseh-, Theater- und Opern- kritikerin. Nach ihrem Abschluss als Kandidatin der Philosophie war sie zunächst Intendantin des Tapiola-Chors, bevor sie als Assistentin und als Lektorin im Fachbereich der finnischen Literatur an der Universität Helsinki verantwortlich war. Erst im Jahr 1995 schrieb sie ihre Lizentiatsarbeit, deren Thema die gattungstypischen Besonderheiten in den drei Detektivromanen der finnischen Autorin Eeva Tenhunen war. Ein solch dröges Thema mag man mit Leena Lehtolainen eigentlich nicht sofort in Verbindung bringen. Trotz ihres Wirkens in all diesen unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern fand sich immer noch Zeit, schriftstellerisch aktiv zu sein. Ihre Krimireihe mit der Kommissarin Maria Kallio begann bereits zwei Jahre zuvor - im Jahr 1993 - mit dem Roman Ensimmäinen murhani (dt. Mein erster Mord), in deutscher Übersetzung einige Jahre später unter dem Titel Alle singen im Chor erschienen. Damit begann gleichzeitig auch Leena Lehtolainens Laufbahn als Autorin für Kriminalromane. Neben der Polizeiarbeit spielt das Privatleben der Titelfigur Maria Kallio eine große Rolle. Diese ist gut ausgebildet, unabhängig, sehr aktiv, mutig und auch sensibel. Im ersten Roman ist sie noch Single, im Verlauf der weiteren Romane heiratet sie, bekommt Kinder und wohnt mit der Familie in einem Häuschen - eigentlich eine typische finnische Frau, die inzwischen als erste weibliche Kultfigur der finnischen Krimiszene gilt. Elf Bände sind in der Maria Kallio-Reihe in Finnland erschienen, von denen bislang auch alle ins Deutsche übersetzt wurden. Eigentlich kann man annehmen, dass ein Teil des Lebens der Autorin auf ihre Romanfigur abgefärbt ist. Das einzige, was die beiden verbindet, sei aber der Musik- und Männergeschmack, so die Autorin. Lediglich die in den Büchern vorkommenden Hunde und Katzen würden auch in der Realität existieren. Wenn schon der Vergleich Maria/Leena angesprochen wird, sei der Vollständigkeit halber noch gesagt: Leena Lehtolainen ist verheiratet, hat zwei Söhne, liebt Katzentiere - vor allem Luchse - und lebt westlich von Helsinki im kleinen Ort Degerby. Erst einige Jahre später schrieb Lehtolainen auch Romane, die nicht dem typischen Krimigenre zuzuordnen sind. Den Beginn machte hier Tappava säde - erschienen im Jahr 1999. Die deutsche Übersetzung wurde 2002 unter dem Titel Zeit zu sterben veröffentlicht. Zwar kommt Maria Kallio auch hier noch kurz vor, allerdings nur in einer Nebenrolle, so dass dieser Roman nicht in den Maria Kallio-Zyklus einzuordnen ist. Die erste Veröffentlichung ohne Maria Kallio als Haupt- oder Neben- figur war Kun luulit unohtaneesi im Jahr 2002, die deutsche Übersetzung kam 2007 unter dem Namen Du dachtest, du hättest vergessen auf den Markt. Neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Schriftstellerin ist Leena Lehtolainen auch weiterhin als Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin tätig. Für ihre Bücher hat sie schon einige Preise gewonnen, unter anderem zweimal den ‘Vuoden johtolanka’, einen Preis für den besten finnischen Kriminalroman, in den Jahren 1997 für Luminainen (in Deutschland unter dem Titel Weiß wie die Unschuld erschienen) und 1998 für Murha pukee naista, eine Essaysammlung über Frauen und Morde. Pentti Kirstilä (Autorenfoto: Irmeli Jung) Autorenfoto: Sakari Majantie