Literatur Kjell Westö (ein Autorenporträt von Birgit Arnold, Januar 2009) Kjell Westö wurde 1961 in Helsinki geboren. Er zählt zu den bekanntesten finnlandschwe- dischen Autoren der Gegenwart. Westö begann seine schriftstellerische Tätigkeit als Lyriker, inzwischen schreibt er nur noch Romane oder Kurzgeschichten für Zeitungen. Letztere verfasst er auch in finnischer Sprache, während er die Romane ausschließlich auf Finnland- schwedisch schreibt, weil er sich in dieser Sprache laut eigener Aussage besser auszudrücken vermag. Von seinen Büchern wurden sechs in Schweden veröffentlicht, ließen sich dort aber nur schwer verkaufen. Während einer Lesung in Köln begründete der Autor dies damit, dass Schweden genügend eigene gute Autoren habe, und es für sie nur bedingt interessant sei, wenn ein Finnlandschwede über Helsinki erzählt. Schon als Kind war ihm das Anderssein bekannt. Als Angehöriger einer Sprachminderheit lebt man wie in einer Art Kokon. Man trifft sich hauptsächlich untereinander und jeder weiß, was der andere gerade macht oder machen wird. Kjell Westö ging nicht gerne zur Schule, er betrachtete sie als ein notwendiges Übel: Er ging zwar hin, verschlief aber größtenteils den Unterricht und stellte einen Rekord im Zuspätkommen auf. Auch für das Vergessen von Schulbüchern war er ein Garant. Als Kind galt er als sehr scheu und ängstlich, stets begleitete ihn die Panik, den Lernstoff auf dem Gymnasium nicht zu schaffen. Stattdessen flüchtete er sich in das eigentlich unsinnige Auswendiglernen unzähliger Sportstatisken und der Länge von Liedstücken einer Musik-LP. Da Westö nach eigenen Angaben bereits im Kindergarten lesen konnte, hatte er in jungen Jahren einen enormen Wissensvorsprung vor Gleichaltrigen. Schon früh war ihm klar, dass er etwas Besonderes an sich hatte. Waren es zum einen die bereits erwähnten Gedächtnisspiele, so gehörte seine Angehörigkeit zur Minderheit der Finnlandschweden ebenfalls dazu. Böse Zungen behaupten, dass sich Finnlandschweden nur allzu gerne für den neuesten Tratsch interessieren. Ihm war und ist es eher zuwider, wenn sein Umfeld zu viel über jemanden wissen möchte. Seiner Meinung nach wäre es wesentlich leichter, wenn man als Teil einer kleinen Völkergemeinschaft in einer Stadt wie New York leben würde. Denn durch die Anonymität der Großstadt würde es niemanden ernsthaft interessieren, wenn man in ein Fettnäpfchen tritt. Passiert einem Finnlandschweden in Helsinki ein Fauxpas - ähnlich der Hauptfigur in seinem Roman Vom Risiko, ein Skrake zu sein -, wird darüber geredet und er wird zeitlebens damit konfrontiert. Nach der Schule arbeitete Westö zunächst unter mehrheitlich Finnisch sprechenden Landsleuten als Lagerarbeiter in einer Importfirma in Vallila, später war er für einige Zeit als Verkäufer in einem Plattenladen tätig. Danach folgte eine aus seiner Sicht nicht gerade prachtvolle Laufbahn als TV-Reporter. Während eines Interviews mit dem damaligen Umweltminister Matti Ahde schlief er ein, da er die Nacht zuvor durchgefeiert hatte und noch unter einem heftigen Kater litt. Da er immer noch sehr schüchtern war, suchte er sich als junger Journalist seine Interviewpartner meistens unter seinen Bekannten aus. Allerdings wurde in einem seiner Beiträge ein Bekannter identifiziert und danach begann Westö, sich seine Geschichten selber auszudenken. In letzter Zeit wird er vermehrt auf Finnisch gelesen oder interviewt. Dabei wird jede Übersetzung aus dem Finnlandschwe- dischen ins Finnische von ihm bis ins kleinste Detail überwacht und wie ‘eine Löwenmutter um ihr Junges’ kämpft er darum, dass auch die kleinsten Unterschiede im Sprachstil nicht getrübt oder vergessen werden. Dabei kann er auch sehr launenhaft werden. Die Übersetzungen ins Finnische übernahmen bislang meistens Frauen, und er bezweifelt, dass diese sich die Mühe gemacht haben, extra eine Sportzeitung oder Fachbücher über das Angeln zu lesen, wenn zum Beispiel der zu übersetzende Text vom Angeln handelt. Je mehr er die finnische Sprache benutzen muss, um so mehr hat er die Befürchtung, dass die finnischsprachige Gemeinschaft seine Texte besser versteht als die schwedischsprachige. Westö ist sich sicher, dass es in den Büchern eines jeden Autors einen bestimmten Sound gibt, vergleichbar mit einem Soundtrack. Sein Sound wird von viel finnischer Musik beeinflusst. Darunter sind Musiklegenden wie Olavi Virta oder Reijo Taipale. Er selbst bezeichnet seine Identität als nicht typisch schwedischsprachig, er träumt auf Finnisch oder auch auf Englisch. Seine Vorliebe für köstliche und außergewöhnliche historische Fakten - also solche, die oftmals keinen Eintrag in die Geschichts- bücher finden - verarbeitet er besonders gerne in seinen Geschichten. In einigen Büchern finden sich eine Menge dieser Fakten und verleihen den Protagonisten ihren ganz besonderen Reiz. 2006 erhielt er den Finlandia-Preis für Där vi en gång gått - in Deutschland unter dem Titel Wo wir einst gingen erschienen -, auch wurden ihm bereits unter anderem die Auszeichnungen Svenska Kulturfondens Kulturpris (2004), die Helsinki-Medaille (2002) oder der Staatliche Literaturpreis (1990) zuerkannt. Bislang sind in deutscher Übersetzung erschienen:  - Das Trommeln des Regens --> zur Buchrezension dt. Erstausgabe 2008 --> bestellen bei amazon.de finn.schw. Originalausgabe Lang 2002  - Geh nicht einsam in die Nacht --> zur Buchrezension dt. Erstausgabe 2013 --> bestellen bei amazon.de finn.schw. Originalausgabe Gå inte ensam ut i natten 2009  - Tante Elsie und mein letzter Sommer --> zum Buchinhalt dt. Erstausgabe 2006 --> bestellen bei amazon.de finn.schw. Originalausgabe Lugna favoriter 2004  - Vom Risiko, ein Skrake zu sein --> zur Buchrezension dt. Erstausgabe 2005 --> bestellen bei amazon.de finn.schw. Originalausgabe Vådan av att vara Skrake 2000  - Wo wir einst gingen --> zur Buchrezension dt. Erstausgabe 2008 --> bestellen bei amazon.de finn.schw. Originalausgabe Där vi en gång gått 2006 Pentti Kirstilä (Autorenfoto: Irmeli Jung) Autorenfoto: Ulla Montan