Literatur Leena Lehtolainen - Ich war nie bei dir (Buchrezension von Dorothea Bartels, August 2010) Jaana Järvela-Rämesuo und Riku Rämesuo, seit 20 Jahren verheiratet, leben in gut geordneten Verhältnissen: Riku arbeitet als Entwickler neuer Medikamente bei einem Pharmahersteller, Jaana hat eine Anstellung als Finnischlehrerin. Ihre beiden gemeinsamen Kinder, die 15-jährige Lotta und der zwei Jahre jüngere Lauri, haben lediglich die für ihr Alter typischen Teenager-Probleme. Jaana, die sich in der zunehmenden Ehe- und Alltagsroutine nicht mehr ausgefüllt fühlt, schreibt in ihrem Tagebuch ihre alltäglichen Erlebnisse, aber auch ihre Wünsche, ihre Beobachtungen über ihre Beziehung und über ihren Mann Riku nieder. Als sie eines Tages feststellt, dass das Lesezeichen ihres Tagebuchs an einer anderen Stelle liegt, schließt sie daraus, dass Riku ihr Tagebuch liest. Statt ihn darauf anzusprechen, führt sie von diesem Tag an ein “offizielles”, gefälschtes handschriftliches Tagebuch für ihren Mann Riku weiter, was nur einen von vielen Schritten in ihrer Beziehung darstellt, die die beiden mehr und mehr voneinander entfremden. Was Jaana aber tatsächlich bewegt, ihre Gedanken über ihren Mann, mit dem sie sich schon lange nicht mehr über Persönliches austauscht, ihre Affinität zu anderen Männern, ihre Erfahrungen mit Yoga, ihre persönlichen Entwicklungen vertraut sie von da an ihrem neuen persönlichen Tagebuch auf ihrem Laptop an. Es macht ihr zu schaffen, dass sich ihr Mann immer mehr von ihr zurückzieht. Sie, die in der langen Ehe schon immer der Motor der Familie war, vermutet, dass Riku sehr unter dem enormen Arbeitspensum, aber auch unter den Anfeindungen militanter Tierschützer leidet, die ihn wegen seiner Tierversuche sogar mit dem Tode bedrohen. So ist die während der ganzen Ehezeit aktivere Jaana froh, als Riku, wenn auch eher gleichgültig, einem kleinen Urlaub mit der Familie zustimmt, den sie gemeinsam auf der Insel Sandholm südlich von Korppoo im Schärengebiet verbringen wollen. Doch hier geschieht das völlig Unerwartete: Riku kehrt von einem Schwimmausflug nicht zurück, lediglich seine verlassenen persönlichen Habseligkeiten wie Kleidung und Rucksack sind noch auffindbar. Jaana, die jetzt die Verantwortung für ihre Kinder und das Haus ganz alleine tragen muss, meistert nach einer gewissen Trauerzeit ihren Alltag wieder recht gut, und nach einer Weile verliebt sie sich sogar in einen neuen Mann. Als Jaana endlich wieder zu leben beginnt und mit ihrer neuen Liebe zu einem Neuanfang bereit ist, geschieht etwas völlig Unvorhersehbares, das sie in eine tiefe Lethargie und Depression stürzt. - All dies erfährt der Leser nach und nach aus Fragmenten der Tagebücher von Jaana und Riku, die Jaana der Schriftstellerin zur Verfügung gestellt hat, um das schreckliche Geschehen verstehen und besser verarbeiten zu können. Die Tagebuchauszüge fesseln den Leser auf beklemmende Art: Durch die Zusammenschnitte ihrer und seiner Tagebücher begleitet der Leser fast voyeuristisch eine Beziehung von der ersten stürmischen Liebe, durch viele Jahre von Entfremdung und zunehmender Kälte zwischen den beiden bis hin zu einer unausweichlich erscheinenden Katastrophe. Gegen Ende des Buches steigert sich die Erzähldichte noch einmal erheblich, und der Leser erfährt überraschende Details und Zusammenhänge. Und Jaana? Sie überlebt, sie macht Yoga. Sie ist ganz da, locker und entspannt. dt. Erstausgabe: 2010 - Kindler innerhalb des Rowohlt Verlages, Reinbek bei Hamburg fin. Originalausgabe Luonas en ollutkaan: 2007 - Tammi, Helsinki aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara