Literatur Magnus Nyman - Geschichte der Verlierer    Katholisches Leben in Schweden und Finnland von König Gustav Vasa bis Königin Christina (Buchrezension von Ulrich Kirsch, Juli 2016) Die Historie: Zu Beginn des 16. Jahrhunderts versuchte das Königreich Schweden, zu dem seinerzeit auch Finnland gehörte, sich aus der Kalmarer Union zu lösen, in der es seit dem Jahr 1397 mit Dänemark und Norwegen vereint war. Die regierenden Reichsverweser versuchten - anstelle eines nicht vorhandenen schwedischen Königs -, die einheimische Macht zu konsolidieren, während die dänischen Könige als Unionskönige ihre Macht auch in Schweden durchsetzen wollten. So ließ der schwedische Reichsverweser Sten Sture der Jüngere den schwedischen Erzbischof Gustav Trolle, der den Unionskönig Christian II. unterstütze, im Jahr 1517 absetzen und die bischöfliche Burg schleifen. Nach mehreren Versuchen gelang es Christian II. im Jahr 1520, das schwedische Heer zu besiegen. Anfang November des Jahres lud der König zu einem Versöhnungsfest in Stockholm, zu dem das Stockholmer Bürgertum und der schwedische Adel aufgrund einer Amnestie des Königs erschienen. Erzbischof Trolle erhob im Anschluss an das Fest Anklage gegen diejenigen, die an seiner Absetzung beteiligt waren, und zwar wegen Ketzerei, denn die Absetzung eines Erzbischofs galt als Verbrechen gegen die Kirche, über das der König nicht entscheiden konnte. Im anschließenden Stockholmer Blutbad wurden etwa 100 Menschen hingerichtet, darunter zwei Bischöfe. Der Sohn eines der Ermordeten, Gustav Vasa, sammelte ein Heer und siegte, mit der Hilfe Lübecks, im folgenden Bürgerkrieg, im Jahr 1523 wurde er zum schwedischen König gewählt. Zur Schuldendeckung wurden auf dem Reichstag von Västerås im Jahr 1527 überflüssiger kirchlicher Besitz der Krone zugewiesen, wobei der König entschied, was als überflüssig zu bewerten war. Gleichzeitig verloren die Bischöfe ihre Burgen und das Recht auf militärisches Gefolge, zudem wurde der schwedische König anstelle des Papstes Oberhaupt der heimischen Kirche. In Jahr 1531 wurde Laurentius Petri erster evangelischer Erzbischof von Uppsala, auch wurden seitdem Gottesdienste in der Landessprache gefeiert. In den 1540er Jahren kam es zu einem letztlich erfolglosen Aufstand in Småland, dessen Anführer Nils Dacke wieder katholische Gottesdienste zuließ. Nach Erik XIV., dessen Regierungszeit aufgrund mentaler Probleme nur von 1560 bis 1568 dauerte, übernahm sein Halbbruder Johann III. die schwedische Regierung. Der mit einer Schwester des polnischen Königs verheiratete Johann hatte die Vision einer schwedischen Gesamtkirche zur Überwindung der mittlerweile bestehenden Differenzen zwischen Katholiken und Evangelischen, die von ihm diesbezüglich entworfene Liturgie wurde als sogenanntes “Rotes Buch” verbindlich. Auch wenn Verhandlungen mit dem Papst zur Wiedereingliederung der Kirche scheiterten, kam es in deren Folge zu einem Einsatz katholischer Missionare. Auch besetzte der König wichtige Burgen und Statthalterposten mit ihm loyalen, dem Katholizismus zuneigenden Personen. Als Statthalter von Finnland kam Klas Flemming ins Amt. Dem Einfluss der zweiten Gattin des Königs, einer überzeugten Anhängerin der Reformation, soll es zu verdanken sein, dass Schweden letztlich den lutherischen Gedanken verpflichtet blieb. Sein katholisch erzogener Sohn aus erster Ehe, Sigismund III. Vasa, war König des katholischen Polens. Vor seiner Krönung im Jahr 1594 hatte die Synode von Uppsala im Frühjahr 1593 die Annahme des evangelischen Augsburger Bekenntnisses beschlossen und Johanns Liturgie als papistischen Aberglauben verworfen. Diese Beschlüsse musste Sigismund vor seiner Krönung garantieren, was er insgeheim allerdings nicht als bindend ansah. Letztlich wurde so die schwedische Kirche in ihrer evangelisch-lutherischen Ausprägung Staatskirche, der - bis in das 20. Jahrhundert - alle Schweden mit Geburt angehörten. Nach Sigismunds Entmachtung übernahm sein Onkel - später mit dem Königstitel Karl IX. - die Regierung, nachdem er bereits vorher für seine Gebiete Selbstständigkeit in religiösen Fragen erlangt hatte. Sein Sohn Gustav II. Adolf übernahm im Jahr 1611 ein verarmtes Schweden. Im Dreißigjährigen Krieg galt er mit seiner 13.000 Mann starken Armee, die auf Usedom landete, als Retter der Evangelischen in Deutschland. Er starb in der Schlacht bei Lützen 1632. So wurde seine Tochter Christina Königin von Schweden, die nach ihrer Abdankung im Jahr 1654 zum Katholizismus konvertierte. Das Buch: Imposant und faktenreich ist das Bild, das der Autor über das katholische Leben im Königreich Schweden des 16. Jahrhunderts entwickelt. Die Ausgangssituation zu Beginn des Jahrhunderts wird umfassend beschrieben, die kirchlichen Würdenträger benannt, Ort und Zahl der Klöster aufgeführt, sowohl in Schweden und in Finnland. Etwas seltsam mutet es an, dass das Stockholmer Blutbad nicht genauer beleuchtet wird, in dem ein (katholischer) Erzbischof auch zwei (katholische) Bischöfe dem Tode überantwortete: Der bloße Hinweis auf den Verlust der inneren Linie der katholischen Seite lässt die Frage unbeantwortet, wie diese Tat von den Gläubigen aufgenommen wurde. Da der Vater des späteren Königs unter den Getöteten war, führte das spätere Festhalten des Papstes am Erzbischof augenscheinlich dazu, dass in der anlässlich des Reichstags von Västerås im Jahr 1527 erlassenen Kirchenordnung der Papst nicht erwähnt wurde und die Kirchenhierarchie der Krone, also den weltlichen Herrschern, unterstellt wurde. Zudem scheint der Umgang mit den Beschlüssen des Reichstags von Västerås im Jahr 1527 nicht ganz schlüssig: So werden zwar die vier Punkte des Beschlusses erwähnt, unter anderem jener, nach dem “im Lande das reine Wort Gottes gepredigt” werden soll. Die sich im Buch anschließende Frage, was die Anwesenden meinten beschlossen zu haben, und ob es katholische Priester gegeben habe, die nicht das reine Wort Gottes verkündet hätten, erscheint nicht nachvollziehbar, denn seinerzeit wurde diese Formulierung als Code für die Zulassung der allein auf die Bibel gestützten evangelischen Predigt verstanden, im Gegensatz zu der katholischen Auffassung, dass Kirche aus Heiliger Schrift und Tradition besteht. In der Folgezeit kamen zwar evangelische Prediger ins Land, auch begann der Aufbau einer neuen Kirchenstruktur. Katholische Berichte priesen jedoch regelmäßig das Festhalten insbesondere der Landbevölkerung am alten Glauben. Eine planmäßige Kirchenpolitik des Staates fehlte demnach. In der Beschreibung dieser Zeitspanne im Buch scheint ein bedauerndes Staunen mitzuschwingen, wie es angesichts dieser Ausgangslage im Land, des Ideals Johann III. von einer wieder vereinigten Kirche und des Einsatzes gut vorbereiteter Jesuiten nicht gelingen konnte, Schweden in die katholische Kirche zurückzuführen. Diese Beurteilung im Werk erscheint nachvollziehbar: Der Autor ist katholischer Priester. Leider bleiben Darstellungen aus Finnland, immerhin eines integralen Bestandteils des Königreichs Schweden, mit Ausnahme der sehr interessanten und kenntnisreichen Beschreibung über die Festung Kaajani als Haft- und Verbannungsort katholisch gesinnter Menschen Episoden am Rande des Werkes. Nicht erwähnt wird etwa der Umstand, dass Klas Flemming leidenschaftlichen Widerstand gegen die Ausmusterung des “Roten Buches” leistete, dass die Finnen konservativ waren und deshalb Änderungen der Liturgie grundsätzlich ablehnend gegenüber standen. Ob im übrigen Beispiele aus dem kirchlichen Leben in Schonen im heutigen Südschweden oder in Norwegen herangezogen werden können, um Ansichten des Verfassers zu untermauern, hätte zumindest näherer Ausführungen bedurft: Auch wenn in beiden Regionen seinerzeit von grenzüberschreitenden Kontakten mit schwedischen Bewohnern ausgegangen werden kann, gehörten diese Regionen bereits in katholischer Zeit zu verschiedenen Bistümern außerhalb Schwedens. Sie waren im 16. Jahrhundert Teil des damals dänischen Erzbistums Lund  bzw. des norwegischen Erzbistums Nidaros (Trondheim). Schonen kam erst im Jahr 1658 mit anderen Provinzen zum schwedischen Staat, Norwegen - aufgrund einer Personalunion - erst 1814 (und blieb es auch nur bis 1905). Fazit: Umfassend informiert der Autor über das katholische Leben in Schweden und das Schicksal von Schweden, die in einem religiös bewegten Jahrhundert zur katholischen Kirche hielten oder zu ihr konvertierten. Für Leser, die keine Kenner der schwedischen Geschichte sind, empfiehlt es sich, ein nicht religiös gebundenes Werk zur Geschichte des Landes dieser Zeit bereit zu halten. So wird die große Linie der Politik nachvollziehbar und etwa bei der Beschreibung der Reichstage deren Zusammensetzung verständlich, wenn beispelsweise “Bauern und Bergleute” demselben Stand des Reichstags zugeordnet werden. Mit so erworbenem Hintergrundwissen gilt: Das vorliegende Werk zeigt sich als eine wertvolle Ergänzung zur Geschichte eines Landes, das im 17. Jahrhundert zur lutherischen Großmacht wurde. dt. Erstausgabe: 2016 - EOS Verlag, Sankt Ottilien schw. Originalausgabe Förlorarnas Historia: Katolskt liv I Sverige från Gustav Vasa till drottning Kristina: 1997 - Katolska bokförlaget, Uppsala fin. Ausgabe Katolista elämää Ruotsi-Suomessa Kustaa Vaasasta kuningatar Kristiinaan: 2009 - Katolinen tiedotuskeskus, Helsinki aus dem Schwedischen ins Finnische und aus dem Finnischen ins Deutsche von Kalevi Vuorela