Literatur Siina Tiuraniemi - Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad (Buchrezension von Bettina Dauch, März 2018) Der Student Miska ist Mitte 20 und lebt in einer WG im Raum Helsinki mit Ville, seinem besten Freund seit Kindertagen. Der Haussegen geht in Schieflage, als Villes neue Freundin Emma die Szene betritt. Miska fürchtet, dass die “Megere aus der Unterwelt” ihm den Gefährten abspenstig machen wird, und begibt sich in eine Trotzphase. Mitten in diese schräge Stimmung platzt Miskas Mutter mit der telefonischen Bitte an ihren Sohn, ihre ältere Cousine Birgitta im Pflegeheim zu besuchen, während sie selbst mit dem Vater dem südfinnischen Winter in einen Spanienurlaub entflieht. Der Sohn soll der ihm unbekannten Verwandten Blumen bringen, was er zunächst kategorisch ablehnt. Doch durch ein Zusammentreffen verschiedener Umstände steht er doch bald mit den erbetenen Gewächsen auf der Matte des Pflegeheims ‘Sonnenschein’, ohne zu ahnen, was ihn dort erwartet: Birgitta ist knapp über 60 und aufgrund amputierter Beine seit Kurzem ein Pflegefall. Ihr würdeloses Dasein ist für sie nur noch mit Alkohol und/oder Drogen zu ertragen. Miska beschließt, sich die verrückte Alte nach dem einmaligen Besuch vom Hals zu halten, lässt sich jedoch in einem Moment des Mitgefühls doch dazu hinreißen, zum Abschied einen Joint herauszurücken, den er zufällig fertig gedreht in seiner Jackentasche mit sich herum trägt. Die schräge Lady blüht augenblicklich auf und bietet dem mittellosen Studenten an, ihn ab sofort mit regelmäßigen Bargeldgeschenken sowie später mit ihrem gesamten Nachlass zu beglücken, wenn er sie fortan kontinuierlich mit “Blumen” beliefert und sie hin und wieder im Rollstuhl an die frische Luft schiebt. Empört lehnt Miska den Deal ab und wendet sich wieder seiner festgefahrenen Konfliktsituation mit Ville und Emma zu. Doch als er unter Alkoholeinfluss die Bekanntschaft des alternden schrillen Exhibitionisten Tauno Kurttu macht, kommt es zu einer unerwarteten Verkettung von Ereignissen und Fügungen, wodurch das Gesamtbild nach und nach in völlig neue Lichtverhältnisse gerückt wird… Hin und wieder wechselt die Erzählperspektive von Miska in die dritte Person - zum Einflechten kleiner Anekdoten aus der Vergangenheit der diversen Betroffenen. Dazu gehören neben Miskas Familie und Ville auch diverse Kollegen aus Birgittas Pflegeheim. Der deutsche Buchtitel ist leider etwas unglücklich und irreführend ausgefallen; das Wort Frischluftvergiftung kommt ein einziges Mal als Nebensache vor und -20°C sind in der südfinnischen Hauptstadt so selten, dass man ihr Vorkommen ganz sicher erwähnen würde, und passen auch sonst nicht zu der Beschreibung des eintönigen Spätwinters mit wiederkehrenden Schneeschauern. Das Werk selbst ist hingegen umso überzeugender und von der Übersetzerin Tanja Küddelsmann in bildreiches Deutsch übertragen worden. Nicht nur die Handlung, sondern auch die phantasiereichen Gedankengänge des eigentümlichen Protagonisten sorgen nahezu kontinuierlich für Kurzweil. Siina Tiuraniemi ist ein glänzendes Roman-Debüt gelungen! dt. Erstausgabe: 2018 - dtv Verlagsgesellschaft, München finn. Originalausgabe Kukkia Birgitalle: 2013 - Minerva, Helsinki aus dem Finnischen von Tanja Küddelsmann