Finnische Umgangssprache (Text von Marja Martikainen-Särkinen. Dieser Text erschien in der Winterausgabe 4/2008 der Vereinszeitschrift SISU des Finnisch-Deutschen Freundeskreises Sisu e.V.) Im Finnischunterricht hat man gerade gelernt, die Verben richtig zu konjugieren: “wir gehen” heißt auf Finnisch “me menemme” und “sie kamen” heißt “he tulivat”. Beim Besuch in Finnland spricht jedoch kaum jemand so, sondern man sagt “me mennään” oder “ne tuli”. Man sagt immer, dass Finnisch so ausgesprochen wird, wie man es schreibt; oder stimmt das gar nicht? In der Tat unterscheiden sich die gesprochene und geschriebene Sprache im Finnischen mehr als in den meisten anderen europäischen Sprachen. Die Hochsprache ist eine gemeinsame Sprachform für verschiedene Alters- und Berufsgruppen, sie richtet sich nach den grammatischen Regeln der Schriftsprache, verwendet einen allgemeinen Wortschatz und Satzbau. Alle, die Finnisch als Muttersprache sprechen, können Hochsprache verstehen. Die Hochsprache sprechen jedoch nicht alle Finnen alltäglich, sie wird eher im öffentlichen Leben gebraucht. Wir gehen davon aus, dass der Nachrichtensprecher im Fernsehen oder die Präsidentin in ihrer Neujahrsrede die Hochsprache verwendet. Auch Lehrerinnen und Lehrer benutzten früher ausschließlich diese gepflegte Form der Umgangssprache. Die Alltagssprache ist jedoch lockerer und persönlicher. Die folgenden Aspekte spielen eine große Rolle: Wohnort (dialektischer Hintergrund), Alter und Geschlecht, soziale Stellung, Beruf und Ausbildung des Sprechers sowie die Sprechsituation. Die Sätze in der Umgangssprache sind kürzer, es gibt mehr Wiederholungen und Übertreibungen und die nicht verbale Kommunikation ist ebenfalls wichtig. Hier sind einige Merkmale der Umgangssprache mit Beispielen: Die Personalpronomina minä, sinä, hän, me, te, he lauten in der Umgangssprache , , se, me, te, ne. Es werden nicht so viele Possessivsuffixe verwendet und das Possessivpronomen wird auch kürzer: Statt “minun kirjani” (“mein Buch”) sagt man “mun kirja”. Es gibt große Unterschiede in der Konjugation von Verben. Die 1. Person Plural wird durch Passiv ersetzt: Statt “me istumme” (“wir sitzen”) sagt man “me istutaan”. Statt der 3. Person Plural wird die 3. Person Singular verwendet: tytöt leikkivät” (“die Mädchen spielen”) wird umgangssprachlich zu “tytöt leikkii”. In der 1. und 2. Person werden die Personalpronomina meist genannt: “Mä kuulen” (“ich höre”). In der Hochsprache wird oft auf das Pronomen verzichtet. Lautliche Verschleifung findet man z.B. in Verbformen: Statt “minä olen” (“ich bin”) benutzt man “mä oon”. Am Ende des Wortes können oft ein oder mehrere Buchstaben wegfallen, z.B. in Endungen -nut, -nyt: Statt “olen sanonut” (“ich habe gesagt”) heißt es umgangssprachlich “mä oon sanonu”. Viele Vokale hört man auch nicht mehr am Ende des Wortes: “talos” statt “talossa” (“im Haus”) oder der letzte Vokal im Diphthong wird mit -e ersetzt: kauhee” statt “kauhea” (“furchtbar”). In der Mitte des Wortes kann der zweite Vokal wegfallen: “punanen” statt punainen” (“rot”) Viele Wörter werden verkürzt. Ein lustiges Beispiel ist eine Redensart aus den Siebzigern: “‘Helkkari’, sano talkkari, kun myi telkkarin ja osti volkkarin.” (“‘Verdammt’, sagte der Hausmeister, als er den Fernseher verkaufte und einen Volkswagen kaufte.”) Hier wird “talonmies” (“Hausmeister”) zu “talkkari” und “televisio (“Fernseher”) zu “telkkari”. Die Umgangssprache ist von der Form her einfacher als die Hochsprache. Man benutzt auch oft unbedeutende Ergänzungswörter wie no, tota, elikkä. Jetzt fragt ihr, ob das alles stimmt: “Tä?” (“Wie bitte?”) “Eihän tää, tota, voi niinku pitää paikkaansa?”. Leider müsst ihr wirklich zwei verschiedene Sprachformen einigermaßen beherrschen, wenn ich euch mit Finnen auf Finnisch unterhalten wollt. Aber keine Sorge, das lernt ihr “ykskaks” (“im Handumdrehen”)! Finnformatives