Literatur Hanna Marjut Marttila - Filmreif (Buchrezension von Annemarie Leibenguth, Mai 2011) Die Eltern arbeitslos und Alkoholiker, der Vater schwer depressiv, die 16-jährige Schwester trotz aller Vorsichtsmaßnahmen  wieder schwanger, ihr Freund in krumme Geschäfte verstrickt, die Familienhelferin krank und nicht erreichbar, widerwillig  verliebt in ein Mädchen, das sein Weltbild bestätigt und gleichzeitig auf den Kopf stellt: Kein Wunder, dass der 15-jährige  Torsten, genannt Donnerstag (im Original vermutlich das Wortspiel Torsti - Torstai), eigentlich kurz vor dem Zusammen-  bruch stehen muss. Nach der ersten Schwangerschaft der Schwester hat die Gesellschaft in Form der Familienhelferin Liisa  in die alkoholbedingte Vernachlässigung in der Familie eingegriffen. Donnerstag hat zu Liisas Fähigkeit, Probleme vorurteils-  und verurteilungsfrei praktisch anzugehen und zu lösen, volles Vertrauen. Tarina musste das Kind zur Adoption freigeben  und ist nun wild entschlossen, sich das zweite Kind nicht nehmen zu lassen, auch wenn sie mit der Versorgung überfordert  wäre. Von Liisa angeregte Familienabsprachen machen Donnerstag zum Verhütungsbeauftragten der großen Schwester, so  dass Tarinas Schwangerschaft gleich zu Beginn des Romanes Donnerstags Grenzen aufzeigt, sein Leben und das seiner  Familie als Regisseur im Griff zu behalten. Einige dieser Absprachen wurden offensichtlich in Liisas Abwesenheit modifiziert,  denn auch der Wochentag Donnerstag hat in dieser Alkoholikerfamilie eine besondere Bedeutung. Die Eltern haben sich  verpflichtet, Tabletten zu nehmen, mit denen sie ihre Sucht rein physisch ausschalten können; allerdings besagt die  famlieninterne Regelung, dass Trinken am Wochenende erlaubt ist. Die Wirkung der Tabletten lässt dann so weit nach, dass  donnerstags der Wille gegen die Sucht steht, eine Gratwanderung zwischen Zukunftswille und Schicksalsergebenheit, die  auch den Jungen Donnerstag umtreibt. Man könnte sein Interesse an Filmen und vor allem an den praktischen Aspekten der  filmischen Darstellung als Flucht vor der Realität ansehen. Tatsächlich hilft ihm die distanzierte Sichtweise des Kamera-  manns dabei, an den Bildern und Szenen, die er als Erzähler für den Leser darstellen muss, nicht zu verzweifeln, sondern  den Blick offen zu halten für Optionen, unerwartete Entwicklungen, humorvolle Aspekte und andere Hoffnungsschimmer.  Sein (vielleicht allzu) oft wiederholtes “So sieht's aus.” beinhaltet immer auch die Möglichkeit, dass das Bild täuschen oder  unvollständig sein könnte.  Als Erzähler bestimmt Donnerstag, was der Leser erfährt und auf welche Art es mitgeteilt wird. Statt Kapiteln gibt es  Filmszenen mit Kurzkommentaren zum Inhalt, statt direkter Rede Drehbuch-Dialoge. Bestimmte Handlungselemente und -  verläufe werden als klischeehaft deklariert und die Zuschauerreaktion der ‘Popcornmädchen’ gleich  mitgeliefert. In manchen Szenen ist nicht klar, ob Donnerstag den realen Verlauf wiedergibt oder eine  filmgeeignete Variante des tatsächlichen Geschehens. Seine Kommentare zielen auf die Gefahren ab,  sich auf ein Urteil festzulegen, wenn man nur einen Blick auf die Situation geworfen hat und sich von  Vorurteilen (z. B. über eine ‘Scheiß-Loser-Familie’ wie die von Donnerstag) leiten lässt. So beunruhigend  und ergreifend eine Szene wie die Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn über eine Flasche  Wodka ist, so ermutigend ist Donnerstags Durchhaltevermögen, und das in der letzten Szene  vorbereitete Happy End mit Saara und einer Filmkamera in der Hand ist ihm zu gönnen. Die Autorin hat  die schwierige Thematik des Alkoholismus in der Familie in Filmreif in jugendlich-einfache Sprache  verpackt und durch die Film-Rhethorik eine gewisse Distanz geschaffen. Nichtsdestotrotz geht die  Geschichte zu Herzen und die Lektüre dieses Jugendbuches könnte auch so manchem Erwachsenen nicht  schaden.  dt. Erstausgabe: 2010 - Carlsen Verlag, Hamburg fin. Originalausgabe Filmi poikki: 2007 - Otava, Helsinki aus dem Finnischen von Elina Kritzokat