Literatur Sofi Oksanen - Fegefeuer (Buchrezension von Annemarie Leibenguth, Oktober 2010) In ihrem zu Recht mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichneten Roman Fegefeuer schickt Sofi Oksanen ihre beiden weiblichen Hauptcharaktere durch einen Reinigungsprozess der besonderen Art. Im Spätsommer/Herbst 1992, also ein Jahr nach der Unabhängigkeit Estlands, findet die etwa 70-jährige Aliide im Morgengrauen auf ihrem Hof eine junge Frau, erschöpft, verdreckt, schreckhaft und überaus wachsam. Voller Misstrauen nimmt sie Zara mit ins Haus, wo die beiden Frauen umeinander herum schleichen, sich beieinander einschmeicheln und einander abstoßen, beobachten und schweigen und versuchen, sich gegenseitig auszuhorchen. In Rückblicken setzt Oksanen allmählich und unvollständig das Mosaik zusammen, wie dieses allumfassende Misstrauen von den beiden so unterschiedlichen und sich doch so ähnlichen Frauen Besitz ergreifen konnte. - Aliide ist geprägt durch die sowjetische Besatzungszeit. Hans, der Mann, den sie liebt, bevorzugt und heiratet ihre Schwester Ingel. Seine estnisch-nationalistischen Aktivitäten bringen die ganze Familie in Gefahr und setzen nicht nur Aliide psychisch und physisch brutal geführten Verhören durch den Geheimdienst aus. Sie heiratet einen linientreuen Kommunisten und passt sich seinen Ansichten und seinem Gebahren scheinbar vollständig an, zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz ihrer Familie. Oder vielleicht in erster Linie, um Hans zu schützen, denn Aliide sorgt dafür, dass ihre eigene Schwester und deren Tochter nach Sibirien geschickt werden. Hans bleibt lange Jahre auf dem Hof versteckt, erwidert allerdings niemals Aliides Liebe. Mit Ende der sowjetischen Zeit steht Aliide alleine da, sie hat sich durch ihre Überlebenstaktik der letzten 50 Jahre vor allem im estnischen Lager Feinde geschaffen. - Zaras Geschichte beschränkt sich auf die Jahre 1991 und 92. Aufgewachsen in Wladiwostok mit Mutter und Großmutter lässt sie sich nach der Öffnung zum Westen von einer Freundin als Kellnerin nach Berlin anwerben und landet im Prostituierten-Millieu. Sie nutzt eine Autofahrt ihrer russischen Zuhälter nach Tallinn, um aus der zerstörerischen Abhängigkeit zu flüchten, und schlägt sich zu Aliides Hof durch, den sie aus Erzählungen und von einem Foto der Großmutter (mit deren Schwester) kennt. - Beide Frauen, Aliide und Zara, wurden sexuell missbraucht und waren gezwungen, sich von ihren Körpern zu distanzieren, um überleben zu können. Andere bestimmen über die Körper der Frauen, so wie die Sowjetunion über Estland bestimmt. Aliide hat inzwischen die Rückübertragung des zum Hof gehörenden Waldes beantragt, in dem sich einst estnische Nationalisten versteckt hatten. Sie fordert damit einen Teil ihres Lebens zurück, den sie scheinbar aufgegeben hatte. Zara befreit sich durch ihre (am Ende mit Aliides Hilfe gelingende) Flucht vor ihren Zuhältern und übernimmt wieder die Kontrolle über ihren Körper und ihr Leben. Für beide - so wie für Estland - ist die Geheimniskrämerei, die Vertuschung des Geschehenen und der eigenen Rolle darin vorbei. Durch diesen politischen und privaten Reinigungsprozess kann das Leben weitergehen. Oksanen schafft durch die Erzählperspektive, die sehr persönlich auf Aliide (und in geringerem Umfang auf Zara) zugeschnitten ist, eine Intimität, die Allides zwanghaft distanzierter Erzählweise zu widersprechen scheint. Nichts lässt sich fassen und dingfest machen, Privates und Politisches lässt sich ebenso wenig klar trennen und benennen wie die moralischen Kategorien Gut und Böse. Die Grundstimmung des Misstrauens, der Angst, der Lüge, der Schuld durchdringt alles und stellt gleichzeitig alles in Frage. So passt es ausgezeichnet, dass die Geheimdienstdokumente des fünften Romanteils nochmal ein anderes Licht auf Aliides Version werfen. Ein unbedingt lesenswerter Roman, den Angela Plöger stilsicher ins Deutsche übertragen und mit einem hilfreichen Glossar zu estnisch-russischen Begriffen versehen hat. dt. Erstausgabe: 2010 - Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln fin. Originalausgabe Puhdistus: 2008 - WSOY, Helsinki aus dem Finnischen von Angela Plöger