Literatur Elina Hirvonen - Erinnere dich (Buchrezension von Birgit Arnold, April 2008) Anna, eine junge Finnin, sitzt in einem Helsinkier Café. Eigentlich sollte sie schon längst ihren zwei Jahre älteren Bruder Joona in der Psychiatrie besuchen. Doch sie weiß, dass dieser Besuch erneut schmerzhaft für beide Seiten verlaufen wird. Während Anna eine Tasse Kaffee trinkt, liest sie abwechselnd in Virginia Woolfs Mrs. Dalloway und denkt an ihren kranken Bruder. Sie erinnert sich an die guten Zeiten in ihrer Familie, aber auch die dunklen Schatten kommen immer wieder auf. Ihre Kindheit und Teenagerjahre wurden überschattet von Joonas psychischer Krankheit, den cholerischen Anfällen des Vaters und der Hilflosigkeit der Mutter. Was war der Auslöser für Joonas Erkrankung? Joona ist überzeugt, dass der Vater die Familie umbringen wollte, als er mit dem Auto gegen einen Baum raste. Die häufigen unkontrollierten Gewaltausbrüche des Vaters nähren seinen Verdacht. Aber Joona war schon immer misstrauisch und schließlich steigert sich die Erfahrung von Gewalt in seiner Kindheit zur Psychose. Anna hingegen bietet dem Leben die Stirn, behauptet ihr Recht auf ein eigenes Leben. Sie erlaubt der Vergangenheit nicht, uneingeschränkt Macht über sie zu haben. Als kleines Mädchen auf dem Schoß des Vaters fühlte sie sich glücklich, wenn sie weinen musste. Trotz allem: Sie hat gelernt, die Widersprüche des Lebens auszuhalten. Parallel schweifen ihre Gedanken zu ihrem Freund Ian, einem Literaturdozenten. Seine Kindheitserinnerungen sind ähnlich geprägt. Sein Vater kam traumatisiert aus dem Vietnamkrieg zurück und das Familienleben zerbrach daran. Die Beziehung zwischen Anna und Ian ist voller Widersprüche, aber gleichzeitig geben sie einander Halt und haben großes Verständnis für die gegenseitigen Probleme. Das Hauptaugenmerk der Geschichte bleibt allerdings auf die Beziehung zu Joona gerichtet. Anna hat ein intensives Verhältnis zu ihrem Bruder. Sie möchte ihm trotz seiner Krankheit ein angenehmes Leben ermöglichen. Die Ereignisse vom 11. September 2001 werden geschickt in die Erinnerungen von Anna eingefügt. Auch Rückblenden an die Protestveranstaltungen gegen den Vietnamkrieg werden erwähnt und mit den Demonstrationen gegen den Krieg im Irak verglichen. Elina Hirvonens Debütroman ist ein leises, aber eindringliches Buch. Erinnere Dich ist eine tragische Familiengeschichte, sehr persönlich geschrieben. Der Leser spürt förmlich die innere Zerrissenheit von Anna und macht sich selbst Gedanken, wie er an ihrer Stelle reagieren würde. Elina Kritzokat hat diesen Roman wunderbar schnörkellos übersetzt. Sehr zu empfehlen. dt. Erstausgabe: 2008 - Deutscher Taschenbuch Verlag, München fin. Originalausgabe Että hän muistaisi saman: 2005 - Avain, Helsinki aus dem Finnischen von Elina Kritzokat