Literatur Ilkka Remes - Ein Schlag ins Herz (Buchrezension von Annemarie Leibenguth, November 2011) Der finnische Geologe Patrik wendet sich aus Gewissensgründen von der Erforschung von Atomendlager- stätten ab und arbeitet in Afrika. Die Belgierin Sandrine arbeitet als Ärztin in Afrika und setzt sich gegen die Globalisierung ein. Das Ziel, die Welt ein bisschen besser und sicherer und gerechter zu machen, verbindet beide, doch ihre Liebe leidet unter dem Arbeitseinsatz und der Hingabe, die eine solche Aufgabe erfordert. Über seine neue Freundin Beate, eine Deutsche, wird Patrik Teil einer Anti-Atomkraft- Gruppe, die eine Aktion gegen einen von Schweden ausgehenden Atommülltransport auf der Ostsee plant. Beate schließt sich einer Protestaktion an, die bei einer internationalen und hochkarätig besetzten Konferenz in Schweden für mediale Öffentlichkeit sorgen will. Aber es kommt alles ganz anders als die beiden dachten. Die Organisatoren dieser Aktionen und eine Instanz im Hintergrund planen wesentlich umfangreicher, unübersichtlicher und mit einer ganz anderen Zielsetzung. Patrik und Sandrine, die er für den Unfalltod von Beate noch in Afrika verantwortlich macht, werden auf einem Schiff und dann in einem Flugzeug zu einer Notgemeinschaft der guten Absichten zusammengeworfen. Die unsichere Vertrauens-lage zwischen den beiden, Verletzungen aus der Vergangenheit und die unklaren Rollen, die beide an ihren Enden der Entführung eines Atommülltransports und von Amtsträgern aus Politik und Wirtschaft spielen, binden die vielfältigen Fäden über weite Strecken des Krimis zusammen. Eigentlich gehören Patrik und Sandrine zu den Entführern, sie wurden aber ihrerseits getäuscht und fühlen sich für das Überleben der Geiseln verantwortlich. - Wer ist gut und wer ist böse, wo führt das alles hin, wer spielt welches Spiel und wer hält die Fäden in der Hand? Das sind die Grundfragen, die auch für die Polizei gelten. Der Finne Timo und die Schwedin Åsa, die bei Europol in Brüssel arbeiten, werden hinzugerufen und koordinieren die internationale Zusammenarbeit. Jedenfalls so weit, wie die Amerikaner und ihre Geheimdienste es zulassen, für die es um deutlich mehr als nur ein paar Menschenleben und die Gefahr von ein bisschen atomarer Verstrahlung geht. Ja, auch die Russen und die angespannte politische Lage in Estland spielen ihre Rollen, Osama bin Laden hat einen Kurzauftritt und sogar unsere Kanzlerin kommt zu Wort. Die Vielfalt des Personals, die zahlreichen Spielorte, die Undurchsichtigkeit von Motiven und Motivationen - zugegebener- maßen typisch für einen Thriller - und gerade auf den ersten Seiten die kurzen Abschnitte mit wechselnder Perspektive machen den Einstieg in diesen Krimi nicht einfach. Um so erstaunlicher ist es, wie Remes es schafft, diese ‘Globalisierung in jeder Hinsicht’ unter einem überzeugenden Spannungsbogen zusammenzuhalten und nach gut 400 Seiten zu so etwas wie einem guten Ende zu führen. Mut, Überzeugung, Kampfgeist und Liebe retten das Gute in der Welt, das Herz am rechten Fleck übersteht offensichtlich auch einen kräftigen Schlag. dt. Erstausgabe: 2011 - Deutscher Taschenbuch Verlag, München fin. Originalausgabe Isku ytimeen: 2009 - WSOY, Helsinki aus dem Finnischen von Stefan Moster