Literatur Katja Kallio - Die Zeit der Zugvögel (Buchrezension von Birgit Arnold, November 2011) Die Festungsinsel Suomenlinna gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Helsinki-Besuchers. Aber auch die Einheimischen fahren gerne mit den Ausflugsschiffen dorthin. Katariina, die Hauptprotagonistin des Romans, lebt dort sehr zurückgezogen mit ihrem Mann Olli und der gemeinsamen Tochter Elina. Im Grunde leben sie ein normales Leben. Beide sind freiberuflich tätig: Sie arbeitet als Sprecherin für Radiojingels oder verleiht Navigationsgeräten ihre Stimme, Olli ist Fotograf. Sie verdienen gut und es fehlt ihnen eigentlich an nichts. Auch wenn Olli sich öfter insgeheim ärgert, dass Tochter Elina das Wichtigste in Katariinas Leben ist. Er gerät dabei manchmal etwas in den Hintergrund. Doch eine überraschende Nachricht wirft die herbe, distanziert wirkende und wortkarge Katariina aus ihrer kleinen, idyllischen und heilen Welt. Die Polizei steht vor der Haustür und teilt ihr mit, dass ihr Vater gestorben ist. Warum erschüttert sie der Tod eines Vaters, den sie nie richtig gekannt hat? Sie hat Weinkrämpfe und nur durch das Zureden von Olli ist sie schließlich in der Lage, die wenigen Habseligkeiten ihres Vaters in einer kleinen Pension abzuholen. Plötzlich möchte Katariina mehr über diesen Mann wissen, der die letzten Tage seines Lebens in einem kleinen anonymen Zimmer verbrachte. Sie erfährt, dass sie noch drei Halbgeschwister hat, von denen die beiden Schwestern auch wie sie Katariina heißen. Was hat den Vater dazu verleitet, jede seiner Töchter so zu nennen? Sie stellt sich einem Treffen mit den Halbgeschwistern und auch wenn dieses Treffen am Ende anstrengend und verletzend ist und die Beteiligten verwirrt zurücklässt, ist es wichtig, um den gemeinsamen Vater zu verstehen. Für den Leser ist es zunächst schwierig, sich ein Bild von diesem Vater zu machen. Jeder kommt zu Wort und schildert seine eigene Sicht auf diesen Mann oder seine Beziehung zu ihm. Wie viel davon der Wahrheit entspricht, bleibt erst einmal offen. Um herauszufinden, wie es zu allem kam, bleibt man gefesselt am Ball und ist wegen des überraschenden Endes regelrecht verblüfft. Das Debüt von Katja Kallio ist ein kleines literarisches Juwel unter den zahlreichen Neuerscheinungen des Jahres. Nichts für zwischendurch, aber genau richtig für den Herbst, wenn man mit einer heißen Tasse Tee im Sessel sitzt und schmökert. dt. Erstausgabe: 2011 - Krüger Verlag innerhalb des S. Fischer Verlages, Frankfurt/Main fin. Originalausgabe Karilla: 2008 - Otava, Helsinki aus dem Finnischen von Alexandra Stang