Literatur Matti Y. Joensuu - Die eiserne Zelle (Buchrezension von Frank Rehag, August 2012) Der fast 30-jährige Orvo Sipponen arbeitet als Masseur in einem Ärztezentrum und es wird ihm nachgesagt, heilende Hände zu haben. Manche Patienten wünschen sogar, nur noch von ihm behandelt zu werden, weil in seinen Berührungen ein Zauber wäre. Das irritiert ihn allerdings, sind die Kollegen doch seiner Meinung nach ebenso gut ausgebildet und fähig. So sehr er beruflich geschätzt wird, so groß sind Demütigung und Tyrannei, die ihn zu Hause erwarten. Er wohnt zusammen mit seiner Mutter und dem Großvater mütterlicherseits. Den Vater hat er nie kennengelernt, da dieser früh verstarb. Die Mutter hängt wie eine Klette an ihrem Sohn, robbt sich nachts sogar zu ihm ins Bett und drohte schon mit Selbstmord, wenn Orvo einmal aus der Wohnung ausziehen sollte. Der Großvater, ein ehemaliger Kapitänleutnant bei der Marine, ist inzwischen ein Pflegefall. Obwohl Orvo dessen Pflege übernommen hat, wird er ständig von dem alten Tyrannen schikaniert und für einen elenden Taugenichts gehalten. Die Flucht aus dieser familiären Hölle und gewiss auch der Reiz, ab und zu eine andere Frau haben zu können, bringen Orvo dazu, als Callboy für die Damen der Stadt zu dienen. An diesen durchaus lukrativen Nebenerwerb kam er zufällig über seinen Bekannten Kurre, den er kennen lernte, als er diesem sein Laptop zur Reparatur brachte. Bei einem seiner Aufträge kommt Orvo mit Neea Sainio in Kontakt. Die junge Frau ist seit einem Reitunfall in der Kindheit an den Rollstuhl gefesselt. Nach anfänglich bezahlten Intimitäten entwickelt sich zwischen Neea und Orvo eine starke Zuneigung und Orvo entschließt sich dazu, seine Nebentätigkeit aufzugeben und mit Neea ein neues Leben aufzubauen. Ausgerechnet innerhalb dieser Zeit werden die Leichen von zwei Frauen gefunden. Es stellt sich heraus, dass die beiden gerne die Dienste eines Callboys in Anspruch nahmen und durch brutale sexuelle Praktiken ums Leben gekommen sind. Orvo gerät schließlich in das Visier der Ermittler. Doch ist er wirklich der Serienmörder, nach dem Kommissar Harjunpää und dessen Kollegen fahnden? Eine Kette von unglücklichen Umständen, fatale Fehleinschätzungen und das Lüften eines tragischen Familiengeheimnisses sorgen in der Folge für dramatische Wendungen. Nach längerer Zeit liegt mit Die eiserne Zelle wieder ein neuer in die deutsche Sprache übersetzter Roman von Matti Y. Joensuu vor. Leider hat der Autor die Veröffentlichung nicht mehr mitbekommen, er starb unerwartet im Dezember 2011. Joensuu war ein sehr detailgenauer Beschreiber, was auch in dieser Mischung aus Krimi und Thriller zum Tragen kommt. Besonders die Ermittlungsarbeit der Polizei wird sehr präzise dargestellt, was nicht zuletzt seiner jahrelangen Tätigkeit bei der Kripo in Helsinki geschuldet ist. Einige wenige Kapitel sind durchaus etwas langatmig geraten, das Ende hingegen ist äußerst furios und unerwartet. Insgesamt bietet diese Mixtur aus zerstörten Hoffnungen und dem Wunsch nach ein bisschen Lebensglück ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen. dt. Erstausgabe: 2012 - btb Verlag innerhalb der Verlagsgruppe Random House, München fin. Originalausgabe Harjunpää ja rautahuone: 2010 - Otava, Helsinki aus dem Finnischen von Stefan Moster