Literatur Eeva-Kaarina Aronen - Der Sommer vor meinem Fenster (Buchrezension von Ulrich Kirsch, Oktober 2008) Was passiert, wenn eine 1944 geborene Frau nach vielen Jahren in ihr Elternhaus zurückgekehrt - in ein Haus, das in einer Helsinkier Holzhaussiedlung liegt, die in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts von einfachen Leuten auf städtischem Pachtgrund errichtet wurde, oft mit Muskelhypotheken ihrer Erbauer, also Eigenarbeit? Ist es bedeutsam, dass sie als junge Frau, die in den linken Kreisen aktiv war, später lange in Moskau als freiberufliche Dolmetscherin gelebt und nach der Rückkehr in ihr Heimatland ein tragisches Unglück überlebt hat, nun einen Sommer in ihrem Viertel erlebt, in dem es ein Straßenfest zum Jubiläum der Siedlung geben soll? Wie funktioniert ihr Leben in dem Geflecht dieser Nachbarschaft, in der neben kommunistisch gesinnten ‘Ureinwohnern’ mittlerweile auch besser situierte Geschäftsleute leben? Warum setzt diese Frau, die sich an der Schwelle zur Gebrechlichkeit wähnt, ihre Rundfunksendungen fort, in denen sie dadurch, dass sie ihren Interview- partnern fast schweigend gegenüber tritt, diese zu möglichst demaskierenden Selbstdarstellungen verleiten will? Welche Bezüge gibt es zu dem Umstand, dass während der ‘Stalinschen Säuberungen’ in der Sowjetunion der 1930er Jahre mehr Menschen finnischer Nationalität ihr Leben verloren als während des Winterkrieges? Und wieso konnte der Jugendverband der Kommunistischen Partei Finnlands ab etwa 1970 in eine neostalinistische Richtung abdriften? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, die Verknüpfungen in der Geschichte Finnlands, im sozialen Geflecht der Siedlung, aber auch den persönlichen Vergangenheiten ihrer Bewohner verstehen will, der sollte sich mit Hagar Edith Wikström auseinandersetzen, der Hauptfigur in Eeva-Kaarina Aronens Buch Der Sommer vor meinem Fenster. Die Autorin schafft es, dass sich all diese Fragen bei ihrer Protagonistin bündeln, ohne dass es konstruiert wirkt. Die Darstellung hat Zug, von Frage zu Frage, von Antwort zu Antwort. Dabei wächst die zunächst nicht so sympathisch erscheinende Hagar dem Leser mehr und mehr ans Herz, das Spröde an ihr schreckt nicht mehr ab, sondern zieht an, weckt das Bedürfnis, sie zu schützen, vor sich selbst, vor Gefahren von außen. Deshalb hätte man dem Buch ein gründlicheres Lektorat gewünscht, sowohl beim Original (dass in den Zeiten der Sowjetunion Ausländer als Freiberufler dort leben und arbeiten konnten, bedarf einer näheren Erläuterung, die leider fehlt) als auch bei der deutschsprachigen Ausgabe (die russische Abkürzung “NKWD” benennt das “Volkskommissariat für innere Angelegenheiten”, also das sowjetische Innenministerium, dem die Geheimpolizei unterstand, kein “Nationales Komitee für innere Angelegenheiten”, ein Komitee war dem Ministerium nachgeordnet). Vielleicht werden diese Mängel bei der zweiten Auflage nachgebessert, die erzählte Geschichte hat es verdient. dt. Erstausgabe: 2008 - BLT innerhalb der Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch Gladbach fin. Originalausgabe Hän joka näkee: 2007 - Teos, Helsinki aus dem Finnischen von Angela Plöger