Literatur Aki Ollikainen - Das Hungerjahr (Buchrezension von Frank Rehag, November 2014) Die Farbe des Todes ist weiß und auch aus dem Gesicht des Bauern Juhani weicht die Farbe. Nach den Missernten der Vorjahre ist nicht genug zu essen da und das, was da war, gab Juhani seiner Frau Marja und den Kindern Mataleena und Juho. Ginge es nach Marja, wären sie und die Kinder mit weniger ausgekommen. Juhani hätte sich versorgen müssen, um die Verantwortung für seine Familie tragen zu können, jetzt würden sie den strengen Winter auf ihrem Pachthof in Korpela nicht überleben. Marja beschließt schweren Herzens, mit den Kindern den Hof zu verlassen und ihren schon stark geschwächten Mann zurückzulassen. Ihr Ziel ist Sankt Petersburg, da sie sich nicht vorstellen kann, dass in der Stadt des Zaren jemand Hunger leiden muss. Dort würde sie ein Auskommen als Arbeiterin finden und alle hätten genug zu essen. “Zuerst müssen wir nach Helsinki kommen. Sankt Petersburg liegt hinter Helsinki”, stellt Marja fest. Für sie und die Kinder beginnt, immer auf der Flucht vor dem Hunger, eine Odyssee durch eisige Kälte... - Währenddessen geht es den Bürgern in der aufstrebenden Stadt Helsinki relativ gut und sie sind weit entfernt von der Not leidenden Landbevölkerung. Lars Renqvist ist als Gehilfe des Senators politisch tätig und es dauert lange, bis man in der Politik den Ernst der Lage erkennt. Wegen der zögerlichen Hilfsmaßnahmen kommt es häufiger zu Diskussionen mit seinem Bruder Teo. Teo Renqvist arbeitet als Arzt und sieht sich als ein Arzt der Armen. Er mit seiner sozialen Ader fühlt sich sehr zu den Huren der Stadt hingezogen, denen er sein letztes Hemd geben würde und die er kostenlos behandelt. Lars' Ehefrau Raakel wird in den Wintermonaten wieder von einer Schwermütigkeit übermannt. Sie ist unfruchtbar und nicht einmal dem Hibiskus, der zu Überwintern beginnt, kann sie jetzt Ihre Wärme und Liebe opfern... Zur Zeit gibt es in Finnland einige junge Autorinnen und Autoren, die sich in ihren Veröffentlichungen mit historischen Ereignissen beschäftigen. Dies gilt auch für Aki Ollikainen, der in seinem Debütroman Das Hungerjahr die große Hungersnot im eisigen und nicht enden wollenden Winter 1867/1868 zum Thema hat. Hunger, Kälte, Krankheit und Tod bilden die Kulisse dieses Romans, vor der Ollikainen die sozialen Gegensätze im autonomen Finnland, das zu dieser Zeit als Großfürstentum zum Russischen Reich gehörte, beschreibt. In zwei parallelen Handlungssträngen, die sich schlussendlich zu einem verknüpfen, wird von der arg gebeutelten Bauernfamilie und der wohlhabenderen Familie Renqvist erzählt. Ollikainen versteht es, anschaulich und mit klaren Worten völlig unsentimental die Grausamkeiten der damaligen Zeit darzulegen: Gutsherren, die ihre Arbeiter hinauswarfen, um mehr für sich zu haben; Bessergestellte, die durch ankommende Bettlerhorden eine Beeinträchtigung ihres Alltags befürchteten; Hungernde, die ihre Brote aufgrund Getreidemangels mit Flechten- oder Rindenmehl strecken mussten und dadurch zum Teil den Tod fanden. Auch nach Beendigung der Lektüre lässt einen das Schicksal der Flüchtlingsfamilie so schnell nicht los, die immerwährende Angst, ob man auf seiner Flucht eine Herberge bekommt oder unerwünscht ist und fortgeschickt wird, ob man zum Aufwärmen ein warmes Plätzchen am Ofen bekommt oder draußen in der Kälte verharren muss, ob man einen Bissen zu essen bekommt oder der Hunger einem weitere Löcher in den Bauch reißt. Das Hungerjahr kann als Geschichtslektüre über das Finnland der Jahre 1866-1868 verstanden werden, aber auch als Parabel auf das menschliche Verhalten in der Gegenwart - denn ähnlich wird man sich vermutlich das Elend der Flüchtlinge in der heutigen Zeit vorstellen müssen. Ein beeindruckendes Debüt Ollikainens, unbedingte Leseempfehlung! dt. Erstausgabe: 2013 - Transit Verlag, Berlin fin. Originalausgabe Nälkävuosi: 2012 - Siltala, Helsinki aus dem Finnischen von Stefan Moster