Literatur Roope Lipasti - Ausflug mit Urne (Buchrezension von Barbara Sckell, November 2014) Mit der Urne ihres Stiefgroßvaters Jalmari machen sich Janne und sein älterer Bruder Teemu auf den Weg quer durch Finnland. Es ist weniger der letzte Wunsch des Verstorbenen, was mit seiner Asche passieren soll (”Werft sie in den Straßengraben”), oder eine Gedenkreise an den unsteten Jalmari durch seine unzähligen Wohnorte; Ziel der Reise ist die Nachlasseröffnung in Imatra. Die unterschiedlichen Brüder haben sich für die Fahrt zusammengerauft und hoffen auf ein reiches Erbe, denn Jalmari war ein umtriebiger Mann mit immer reichlich Geld in der Tasche - und noch mehr zuhause im Tresor. Eine Million, mehr? Das Geld verspricht Freiheit, einen neuen Abschnitt, wenn nicht gar Neuanfang im Leben. Die Tour mit dem Auto verläuft alles andere als harmonisch. Seit der Kindheit bewegt sich die Geschwisterbeziehung zwischen Konkurrenz, Neid und Zuneigung in verschiedenen Abstufungen. Dass dabei auch noch beide Brüder ihr Herz an Jannes Ex-Frau Elli verloren haben, macht es nicht leichter. Vor allem der Ich-Erzähler Teemu - in den mittleren Jahren mit etwas Übergewicht und einem Leben, dass sogar er selbst als langweilig bezeichnet - tut sich schwer, seine durch die Last der Kinderjahre verhärtete Meinung über seinen drei Jahre jüngeren Bruder abzulegen oder zumindest zu revidieren. Die empfundenen Kränkungen, die er mit sich herumträgt, verzerren seinen Blick auf den Menschen, der Janne inzwischen ist. Im beleidigten Ton eines zu kurz Gekommenen wird hier die Geschichte eines Brüderpaars erzählt. Leicht, fast paasilinnaesk zu Beginn, gewinnt der Roman ab der Hälfte an Tiefe, sowohl sprachlich als auch inhaltlich mit Themen wie dem Altern, den verschiedenen Arten von Reichtum und der subjektiven Auffassung von Wahrheit, die manchmal die Grenze zwischen Lebensgeschichten und Lebenslügen verwischt. dt. Erstausgabe: 2014 - Blessing Verlag innerhalb der Verlagsgruppe Random House, München fin. Originalausgabe Perunkirjoitus: 2013 - Atena, Jyväskylä aus dem Finnischen von Regine Pirschel