Literatur Elina Halttunen - Alles gut auf der Insel (Buchrezension von Birgit Arnold, Juli 2011) Die fünfzigjährige, erfolgreiche Kostümbildnerin Maria kehrt nach vielen Jahren in die Ferienvilla ihrer Großeltern auf die Insel Månvik vor den Toren Helsinkis zurück. Sofort sind die vielen Erinnerungen bei ihr präsent – an eine nahezu unbeschwerte Kindheit in den 1960er Jahren, die sie meist zusammen mit den beiden Vettern Hannu und Jussi dort verbracht hat. Ihr Onkel Julius schickte die beiden Jungs jeden Sommer aus den USA nach Finnland, damit sie ihr Finnisch nicht verlernten. Die gute Seele des Hauses war Haushälterin Ester, die zusammen mit den Großeltern ebenfalls dort wohnte. Von ihren Eltern hat Maria nie etwas gehabt, beide waren vielbeschäftigte Schauspieler und meistens mehr mit sich selbst beschäftigt. Beide ließen sich ebenso wie Marias ältere Geschwister Heli und Juhani nicht sehr oft auf Månvik blicken. Doch eines Tages kippte die Idylle und es passierte etwas, das Maria nicht sofort verstand. Warum kehrte Oma von einem Badeausflug nicht wieder zurück? Was war der Grund, aus dem sich die Familie nach dieser Tragödie entzweite? Lange Zeit fand Maria darauf keine Antwort, denn jedes Familienmitglied ging fortan seinen eigenen Weg. 43 Jahre später erhält sie eine kurze E-Mail ihres Vetters Hannu. Darin kündigt er einen kurzen Besuch in Helsinki an, mit dem Wunsch, sich kurz vor Weihnachten auf Månvik mit ihr zu treffen. Maria ist überrascht und verunsichert zugleich, dennoch sagt sie zu. Sie lebt mittlerweile alleine; ihre Kinder sind erwachsen und ihre Arbeit für das Theater kann sie genauso gut von Månvik aus fertig stellen. Während sie dort aufräumt, putzt und in den alten Unterlagen kramt, schweifen ihre Gedanken immer wieder in Erinnerungen ab. War das Zusammenleben der großen Familie wirklich immer eitel Sonnenschein? - Okay, die Kinder liebten ihren Opa Oskar, der aus Karelien stammte und durch reichlich dubiose Kontakte ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde. Er galt als Charmeur und Schwerenöter. Oma Catharina hatte es mit ihm nicht immer leicht. Dass sie regelmäßig in Depressionen fällt, bekommen die Kinder nicht mit. Sie lieben das Spielen mit Opa, der ihnen kleine Schiffchen schnitzt und sie zum Angeln mitnimmt. Doch an Lennart, ihren jüngsten Onkel, hat Maria keine guten Erinnerungen. Nie kann er es seinem Vater recht machen und seitdem er auf die schiefe Bahn geraten ist, sitzt er die meiste Zeit im Knast. Sobald er bei der Familie auftaucht, herrscht Angst und es wird heftig gestritten. Die Depressionen der Oma werden häufiger, als Opa ein Langzeitverhältnis mit einer Mitarbeiterin anfängt. Eine Europareise mit ihren Großeltern soll eine Art Neuanfang derer Ehe werden. Und wirklich, Oma wirkt während der gesamten Reise entspannt und fröhlich. Doch kurz nach der Rückkehr geschieht etwas Unfassbares. Oma, die als eine ausgezeichnete Schwimmerin galt, schwimmt aufs offene Meer hinaus und kehrt nicht mehr zurück. Unfall oder Selbstmord? Schon bald beschuldigen sich die Erwachsenen gegenseitig, für den Tod von Catharina verantwortlich zu sein. Maria erinnert sich an das kleine Geheimnis, das ihr die Oma auf der Reise anvertraut hat. Welche Rolle spielt dabei Onkel Lennart? Jedenfalls ist nach dem Tod der Oma nichts mehr wie zuvor. Die beiden Vettern kamen seitdem nicht mehr in den Sommerferien nach Finnland und die Familienvilla war nicht mehr das Zentrum der Familie. Die Wahrheit über die Todesumstände lähmt das Familienleben, denn solange keiner weiß, was an jenem Tag geschehen ist, kann niemand richtig mit der Tragödie abschließen. Erst drei Jahrzehnte später ist Maria in der Lage, sämtliche Puzzlestücke zusammenzusetzen. Die Erkenntnisse sind äußerst schmerzvoll und offenbaren eine von Anfang an sehr unglückliche Beziehung ihrer Großeltern. Wenn Hannu nach der langen Zeit Antworten haben will, kann sie ihm diese nun geben. Möchte er überhaupt die “ollen Kamellen” aufwärmen? Oder gibt es einen völlig anderen Grund dafür, dass er die weite Reise auf sich nimmt? Mit Alles gut auf der Insel liegt das Romandebüt von Elina Halttunen auf Deutsch vor. Die Drehbuchautorin und Dramaturgin lebt in Helsinki. Ihr ist ein eindrucksvolles Buch gelungen. Der Leser nimmt daran teil, wie Maria erwachsen wird, wie Freundschaften an Untreue und Eifersucht, Betrug und Manipulation scheitern, wie Hoffnung und Verzweiflung, Krankheit und Tod eine Familie entzweien können. Eine wichtige Rolle spielt Marias Opa: Oskar Falk, ein ganzer Kerl, charismatisch und egoistisch zugleich. Dieser geht seinen ganz eigenen Weg, bekommt scheinbar immer seinen Willen, auch wenn seine Mitmenschen und schlussendlich auch er selbst einen hohen Preis dafür bezahlen müssen. Er wird von den Enkeln geliebt und bewundert, bleibt jedoch für die ganze Familie stets undurchschaubar. Seine vielen Fehler werden ihm erst im hohen Alter bewusst, doch da ist es für eine Umkehr längst zu spät und die Familienkatastrophen sind nicht mehr rückgängig zu machen. Der Cocktail für eine gelungene Familiengeschichte ist gut gemixt. Alles gut auf der Insel ist großartige Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Seite. dt. Erstausgabe: 2011 - Deutscher Taschenbuch Verlag, München fin. Originalausgabe Saaressa kaikki hyvin: 2009 - Teos, Helsinki aus dem Finnischen von Elina Kritzokat