Literatur Rosa Liksom - Abteil Nr. 6 (Buchrezension von Bettina Dauch, April 2013) Ein Tag im März gegen Ende der 1980er Jahre. Eine finnische Studentin, deren Name nicht genannt wird, beginnt ihre Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis ins mongolische Ulan Bator. Das kleine Abteil muss sie mit einem derben Russen mittleren Alters teilen, der sich als Wadim Nikolajewitsch Iwanow vorstellt und von Anfang an mit Kraftausdrücken und frauenfeindlichen Bemerkungen um sich wirft. Das Abteil ist nicht gerade komfortabel, die für die Zahl der Reisenden viel zu wenigen Zugtoiletten sind in heruntergekommenem Zustand und die alte, ruppige Zugbegleiterin Arisa bedient die Passagiere in barschem Ton. Von Anfang an wird die junge Finnin von dem Russen zugetextet, während sie selbst so gut wie nie etwas zu sagen scheint. Zumindest gibt es bis auf eine einzige Ausnahme gegen Ende des Romans keine einzige Äußerung von ihr in direkter Rede. Über ihr bisheriges Leben erfährt man allmählich dennoch so Manches anhand ihrer Gedanken. So erinnert sie sich vor allem an Menschen, die ihr nahestanden: Mitka, der statt zur Armee in die Psychiatrie gegangen war, sowie dessen Mutter Irina und die ungewöhnlichen Beziehungen, die sie zu den beiden unterhielt. Der Russe hingegen erzählt ihr davon, wie er regelmäßig seine Frau verprügelt, berichtet aus seinem Leben, seiner Kindheit und Jugend und der Zeit danach und zwingt ihr seine verqueren philosophischen Überlegungen auf. Dabei schwingt immer wieder ein gewisser Stolz auf die Sowjetunion mit. Unterdessen bietet er der jungen Frau bereitwillig von seinem Proviant an, doch hin und wieder werden seine Bemerkungen ihr gegenüber zu anstößig und er entschuldigt sich bei ihr. Im Laufe der Zeit lernen die beiden ungleichen Menschen, als Reisegefährten zu koexistieren. In ihrem dritten auf Finnisch und zweiten in deutscher Übersetzung erschienenen Roman nimmt uns Rosa Liksom mit allen Sinnen mit auf die Reise. Sehr eindrücklich und anschaulich beschreibt die Autorin die meist triste Stimmung an den verschiedenen Stationen und die Trostlosigkeit der vorbeiziehenden Landschaft sowie die oftmals schwere Luft und die verschiedenen Gerüche, wie sie die junge Finnin auf ihrer Fahrt durch das große Land erlebt. Auch ohne rasante Handlung wird die Lektüre keinen Moment langweilig, was nicht zuletzt dem von Stefan Moster bestens ins Deutsche übetragenen, originellen Stil Liksoms zu verdanken ist. Ein wahrer Genuss, nicht nur für Freunde des großen Nachbarn Finnlands. dt. Erstausgabe: 2013 - DVA innerhalb der Verlagsgruppe Random House, München fin. Originalausgabe Hytti nro 6: 2011 - WSOY, Helsinki aus dem Finnischen von Stefan Moster